Finanzen
Chinas Ventil

Selbst die Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten, die durch die US-Hypothekenkrise in Angst und Schrecken versetzt worden sind, haben der überschäumenden Anlagefreude der Chinesen nichts anhaben können.
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Der Index der Börse in Schanghai marschiert stramm auf die Rekordmarke von 5000 Punkten zu. Jetzt öffnet die chinesische Regierung den Anlegern erstmals ein Ventil, um den Liquiditätsdruck, der sich in China aufgestaut hat, ein wenig abzulassen. In Kürze dürfen Privatanleger über eine Filiale der Bank of China in Tianjin Aktien in Hongkong erwerben.

Peking erreicht mit diesem Schritt dreierlei: Die Bürger haben nun Alternativen für ihre Anlageentscheidungen, der horrende Anstieg der Kurse im chinesischen CSI Index wird gebremst – und damit einer Überhitzung der Märkte vorgebaut – und die Integration Chinas in die internationalen Kapitalmärkte einen Schritt weiter vorangetrieben.

Chinas Erfolge haben das Land als Exportnation hinter Deutschland auf Platz zwei noch vor den USA katapultiert. Jahr für Jahr strömen Milliarden Dollar an Überschüssen in das Reich der Mitte. Auf 1330 Milliarden Dollar beläuft sich der Devisenschatz inzwischen. Die Notenbank hat alle Mühe, das Geld so anzulegen, dass die Preise einigermaßen stabil bleiben. Ein Großteil landet daher in US-Staatsanleihen. Künftig stattet China aber auch seinen neuen Staatsfonds mit üppigen Milliardenbeträgen aus, um das Kapital gewinnbringender anzulegen. Doch ein großer Teil der Exportgewinne fließt auch in die Taschen von Privatleuten. Immerhin erwirtschaftet die Privatwirtschaft in China heute schon mehr als die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts. 2010 sollen es bereits 70 Prozent sein. Aber die privaten Anleger hatten bislang nur auf Schleichwegen die Möglichkeit, Geld im Ausland anzulegen. Nur wenige nutzten die mit Sondergenehmigungen und Auflagen verbarrikadierten Wege.

Das dürfte sich nun ändern. China tastet sich dadurch weiter in die Globalisierung vor. Chinesische Konzerne treten immer selbstbewusster im Ausland auf. Sie kaufen gezielt Unternehmen und deren Know-how auf, um die Wirtschaft der Volksrepublik technologisch aufzurüsten und sich für die vollständige Integration nicht nur in die Welt der Waren, sondern auch in die Welt des Geldes vorzubereiten.

Bislang schottet China seinen Kapitalmarkt allerdings durch eine strenge Währungspolitik hermetisch ab – und zieht sich dadurch den Zorn von Amerikanern und Europäern zu. Peking wehrt sich jedoch beharrlich gegen Forderungen, seine Währung an die wirtschaftlichen Realitäten anzupassen – mit dem Hinweis, eine abrupte Aufwertung könne die Grundlagen des Aufschwungs schnell zerstören und für unerwünschte soziale Spannungen sorgen. Jetzt allerdings beschreitet die Regierung einen Weg, der zugleich Dampf aus dem Devisenkessel entweichen lässt und Vorbote einer allmählichen Freigabe des Renminbis ist. Experten halten die am Montag getroffene Grundsatzentscheidung daher für einen historischen Meilenstein.

Noch hat die staatliche Devisenbehörde den Startschuss für den Kauf ausländischer Aktien formell nicht gegeben. Und Hongkong wird auch nur das Experimentierfeld der ersten Stunde sein. Peking wird zunächst genau beobachten, welche Auswirkungen die Freigabe von Anlageentscheidungen auf die Märkte in China und in der Sonderverwaltungszone haben wird. Übereilte Schritte hat man China bei der Integration in die Weltmärkte noch nie vorhalten können. Aber die Richtung, die die chinesische Regierung vor nunmehr fast dreißig Jahren eingeschlagen hat, verfolgt sie unbeirrt weiter. Es dürfte daher nur noch eine Frage der Zeit sein, bis den Bürgern der Volksrepublik auch der Sprung auf andere Auslandsmärkte gestattet wird.

Chinesisches Privatkapital dürfte bald weltweit auftauchen: an den Börsen, auf den Immobilien- und Grundstücksmärkten oder im Rohstoffsektor. Parallel dazu dürfte sich der Druck auf die Währung langsam reduzieren – durch eine kontrollierte Aufwertung und einen graduellen Abbau von Kapitalverkehrskontrollen. Je weiter sich die Regierung dabei vorwagt, desto mehr Wind nimmt sie ihren Kritikern aus den Segeln. Der Tag, an dem China endgültig wie eine Marktwirtschaft funktioniert, ist wohl nicht mehr allzu fern.

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