Finanzkrise
Analyse: Neu denken

Die Finanzkrise ist mehr als ein ökonomisches Problem. Sie wird auch politische Spuren hinterlassen. Die permanenten Rettungsaktionen der Notenbanken, zuletzt das Auffangnetz für das ehrwürdige Wall-Street-Haus Bear Stearns, zeigen deutlich: Der Kapitalismus kann zurzeit nur mit Hilfe des Staats überleben. Diese bittere Erkenntnis wird begleitet von weiteren Lehren.

Die Finanzkrise ist mehr als ein ökonomisches Problem. Sie wird auch politische Spuren hinterlassen. Die permanenten Rettungsaktionen der Notenbanken, zuletzt das Auffangnetz für das ehrwürdige Wall-Street-Haus Bear Stearns, zeigen deutlich: Der Kapitalismus kann zurzeit nur mit Hilfe des Staats überleben. Dieser dramatischen Erkenntnis mag sich nicht einmal der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, entziehen. Nicht einmal er glaubt noch an die Selbstheilungskräfte des Marktes. Dass Finanzminister Peer Steinbrück in die gleiche Kerbe schlägt, zeigt den Grad der allgemeinen Verunsicherung an.

Diese bittere Erkenntnis wird begleitet von weiteren Lehren: Die Überlegenheit angelsächsischer Geschäftsmodelle und Bilanzierungsmethoden erweist sich als Blendwerk. Die Vorstellung, dass Märkte alles regeln können wie auch schon beim Platzen der Internetblase vor acht Jahren, wird Lügen gestraft. Es gibt viele Möglichkeiten, daraus falsche Schlüsse zu ziehen. Eine mögliche Reaktion wäre eine gewisse Schadenfreude derer, die es schon immer gewusst haben, dass der Kapitalismus nichts tauge. Sie hilft niemandem weiter, dürfte aber unweigerlich in der künftigen Diskussion eine Rolle spielen.

Eine andere Fehlreaktion ist das Wegducken der Mächtigen der Finanzszene. Wer geglaubt hat, dass beim diesjährigen Branchentreff in Rio de Janeiro irgendwelche substanziellen Vorschläge zur Überwindung der Krise oder zur Verhütung künftiger Probleme gemacht werden, der sieht sich enttäuscht. Die Vorschläge des Institute for International Finance, in dem die großen Geldhäuser der Welt zusammengeschlossen sind, wirken sehr vorläufig und vage. Die Botschaft von Rio, wenn es denn eine gibt, lautet: Wir arbeiten an den Problemen. Die Bankenbranche scheint im Moment nach der Devise zu handeln: Stillhalten und hoffen, dass die Krise bald vorbei ist.

Einen Ausweg aus dieser Lage weist der Vorstoß von Ackermann, mit einer gemeinsamen Aktion von Regierungen, Zentralbanken und Banken die Stabilität der globalen Finanzmärkte wiederherzustellen. Seine Vorschläge kommen aber reichlich spät und wirken eher wie ein Hilferuf als wie ein durchdachtes Konzept. Es wäre aber in der Tat vernünftig, die Krise als Chance zu sehen und neue Vorstellungen über das Zusammenwirken von Wirtschaft und Staat zu entwickeln.

Die bisherige Diskussion ist durch ein Gegeneinander geprägt: Der Staat bedroht die Freiheit der Wirtschaft, oder er soll die „Bestie“ Wirtschaft „bändigen“. Diese beiden Bilder haben unterschiedliche politische Farben, aber dieselbe falsche Struktur. Politisch neutraler, aber ebenso verfehlt ist die Vorstellung, der Staat setze nur den „Rahmen“, innerhalb dessen die Wirtschaft sich dann mehr oder minder autonom bewegen kann und auch sollte. Die Finanzkrise zeigt dagegen, dass Staat und Märkte auf eine sehr komplizierte Weise ineinandergreifen, von einander abhängig sind und das wahrscheinlich heute mehr als jemals zuvor. Daher müssen wir lernen, beides zusammen als ein Gesamtsystem zu verstehen.

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