Finanzkrise
Ausgeblendet

Bestenfalls die Gefahr einer Panik bei den Banken hat ihren Höhepunkt überschritten - mehr noch nicht.
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Wir lassen uns nicht mehr in die Suppe spucken – nach diesem Motto reagiert die Börse jetzt häufig. Wenn eine Bank wie Crédit Agricole den Markt mit Abschreibungen und einer Kapitalerhöhung überrascht, dann drückt das zwar ihren eigenen Kurs. Aber es setzt die anderen Finanzwerte nur moderat unter Druck. Und wenn der US-Anleiheversicherer MBIA, der eine Schlüsselrolle in der Finanzkrise spielt, schreckliche Zahlen und einen erbaulichen Ausblick veröffentlicht, dann schaut der Markt nur auf den Ausblick.

Das Schlimmste ist vorbei: Das glauben zurzeit viele Top-Banker, manche sagen es auch öffentlich. Neben der Aktienbörse geben auch andere Märkte Entspannungssignale. Am Devisenmarkt etwa beginnen schon wieder die altbekannten Carry-Trades: sich billig in Yen verschulden und dafür Hochzins-Währungen aus angelsächsischen Ländern kaufen. Immer wenn die Angst groß wurde, brachen diese Trades weg. Deutliche Zeichen sind auch die leichte Erholung des Dollars und das etwas nachlassende Interesse an sicheren Staatsanleihen.

Das ist die sonnige Seite des Geschehens. Aber die Schatten bleiben bedrohlich. Zum einen hat die Aktienbörse während der gesamten Finanzkrise stets sehr viel optimistischer reagiert als der Geldmarkt, auf dem Banken sich untereinander Geld leihen. Anders gesagt: Die breite Masse der Investoren traut den Banken mehr als die sich gegenseitig. Und die Banken selbst sollten ja am besten wissen, was in ihrer Branche alles schiefgehen kann. Daher spricht einiges dafür, dass die Aktienbörse immer wieder die Gefahren der Finanzkrise einfach ausgeblendet hat – vielleicht auch jetzt.

Interessant ist auch folgender Vergleich: Das Gewicht der Banken und Versicherer im Deutschen Aktienindex hat seit Anfang 2007 von 27,7 auf 24,0 Prozent abgenommen, in New York (gemessen am S&P 500) von 22,1 auf 17,1 Prozent. In London sank es gar von 28,8 auf 22,6 Prozent, ein deutlicher Gewichtsverlust. Aber reicht er aus, um die wahrscheinlich auf Dauer schmalere Ertragsbasis der Branche zum Ausdruck zu bringen? Oder, anders gesagt, um die Überbewertung der Branche vor der Krise zu korrigieren?

Hinzu kommt: Die realen Probleme, von denen die Krise ausgeht, sind noch keineswegs gelöst. Immer noch wohnen viele Amerikaner und Briten in Häusern, die sie sich heute gar nicht mehr leisten könnten. Die gewaltige, einkommensmindernde Sogwirkung schrumpfender Immobilienmärkte kommt möglicherweise erst nach und nach voll zur Geltung. Wie stark wird sie sein? Wenn sie eine ähnliche Größenordnung hat wie früher der positive Effekt aufblühender Märkte, kommt noch einiges auf uns zu.

Die leicht positive Grundstimmung der Finanzmärkte in den letzten Wochen lässt also mehrere Interpretationen zu. Version 1: Das Schlimmste ist tatsächlich vorbei. Version 2: Das Schlimmste ist noch nicht vorbei, aber die Börse ist der realen Entwicklung so weit voraus, dass sie schon wieder die Erholung danach vorwegnimmt. Version 3: Die Börse blendet die Probleme ein Stück weit aus, die Kurse sagen daher auch nur eingeschränkt etwas aus über die reale Entwicklung.

In der Praxis überlagern sich natürlich diese drei Trends, weil die Kurse ja nicht aus einheitlichen Vorstellungen der Marktteilnehmer heraus entstehen. Und erschwerend für eine klare Analyse kommt hinzu, dass es eine Rückkoppelung gibt, die durch die moderne, stark an Börsenwerten orientierte Bilanzierung noch verstärkt wird: Je stabiler die Märkte, desto weniger müssen Banken abschreiben, desto sanfter verläuft die Krise.

Trotzdem: Die realen Probleme auf den Immobilienmärkten lassen sich nicht wegtricksen, und die Börse wird sie auch nicht permanent ausblenden können. Zwar unternehmen in den USA die Notenbank und die Regierung gemeinsame Anstrengungen, den Fall der Immobilienmärkte zu bremsen. Im extremsten Fall gelingt ihnen das so gut, dass die Krise noch einmal vertagt wird. Aber dann entwickelt sich der Häusermarkt zu einer Art Wiedergänger, der gespenstergleich mit schöner Regelmäßigkeit die US-Wirtschaft durcheinanderbringt.

Es spricht also am meisten für Version 3: Die Börse blendet einen Teil der Probleme aus. Die These, das Schlimmste sei vorbei, gilt daher bestenfalls in dem Sinne, dass die Gefahr einer Panik ihren Höhepunkt überschritten hat. Wenn Notenbanken und Finanzbranche die Nerven behalten, gelingt vielleicht eine halbwegs geordnete Bewältigung der Finanzkrise – bisher hat das ja auch so gerade noch funktioniert. Aber deswegen können wir trotzdem eine deutlich gedämpfte Wirtschaftsentwicklung bekommen. Und die Börse läuft dieser realen Entwicklung zurzeit vielleicht eher hinterher als vorauszuschauen, wie man es von ihr erwarten würde.

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