Finanzkrise
Das Aus für die Risikohändler

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Einmal kräftig durchgekehrt und die Probleme sind aus dem Haus – das war bislang der Tenor der Bankenwelt, wenn es um die Kreditkrise ging. Schließlich habe man ja die Risiken weitestgehend mit milliardenschweren Abschreibungen im vergangenen Quartal bereinigt. Jüngstes Beispiel Merrill Lynch: Die US-Investmentbank schrieb Engagements von fast acht Milliarden Dollar ab – die größte Wertberichtigung in der 93-jährigen Firmengeschichte.

Doch beim Treffen des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington in dieser Woche war deutlich zu spüren: Die Krise ist keineswegs ausgestanden, mit hoher Wahrscheinlichkeit steht das Schlimmste sogar noch bevor. Zwar mag das keiner so laut sagen, denn wer will sich schon mit Kassandra-Rufen unbeliebt machen? Aber im Stillen ist vielen Finanzprofis klar, dass sie nicht einfach so weitermachen können wie bisher.

Risiken, die von findigen Investmentbankern über Jahre hinweg im globalen Finanzsystem aufgetürmt wurden, lassen sich eben nicht binnen weniger Wochen aus der Welt schaffen. Vor allem, wenn sie durch massive Fremdverschuldung potenziert und schließlich in der ganzen Welt verteilt wurden.

Was derzeit an den Märkten passiert, ist vor allem eine Vertrauenskrise. Die wirklichen Ausfälle haben wir bislang kaum gesehen. Aber sie werden kommen. Damit einhergehend wird sich die Wirtschaft abkühlen, mit Sicherheit in den USA und in der Folge auch in Europa. Das Wort „Rezession“ hörte man häufig in Washington.

Welche Folgen hat dies für die Kreditinstitute? Die Party der letzten Jahre im Investment-Banking hat ein Ende. Umfangreiche Stellenstreichungen dürften unvermeidbar sein. Denn ganze Geschäftssegmente wie strukturierte Produkte oder Private-Equity-Finanzierungen werden schrumpfen. Nur wer schnell auf die Kostenbremse tritt, vermeidet, ins Schleudern zu geraten. Ankündigungen wie von der Schweizer UBS, 1500 Arbeitsplätze abzubauen, sind wohl nur der Anfang. Manche Häuser könnten sich komplett aus dem Investment-Banking zurückziehen. Die Bank of America hat bereits Andeutungen in diese Richtung gemacht. Ähnliche Überlegungen stehen womöglich auch bei der Citigroup und anderen Häusern an.

Vor allem aber werden die Banker grundsätzlich ihren Umgang mit Risiken überdenken müssen. Werden diese zigfach verbrieft, neu gebündelt und wieder an Investoren weitergereicht, sind sie nur noch eine abstrakte Größe. Genau das aber dürfen sie nicht sein. Denn nur wer weiß, was im schlimmsten Fall auf ihn zukommen kann, geht mit Risiken angemessen um. In der Vergangenheit war dies nicht der Fall: Kredite wurden zu fahrlässigen Konditionen vergeben in der Hoffnung, sie rasch verkaufen zu können.

Künftig geht das nicht mehr. Genau deshalb vergeben im Moment viele Banken – insbesondere die schwer gebeutelten US-Häuser – kaum noch Großkredite. Wer hier aber die Kraft hat, noch Finanzierungen anzubieten, profitiert doppelt. Zum einen kann er die nun deutlich höheren Margen im Neugeschäft einstreichen. Zum anderen profiliert er sich genau als das, was eine Bank eigentlich sein sollte: langfristig orientierter Partner, der auch in Krisenzeiten zum Kunden steht. Der opportunistische Händler von Risiken dürfte vorerst ausgedient haben.

Hans G. Nagl
Hans G. Nagl
Handelsblatt / Senior Financial Correspondent

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