Finanzkrise
Das System sind wir

Verantwortlichen Kapitalismus kann es nur geben, wenn sich jeder fragt: Was kann ich beitragen? Der Vorstandschefs des weltgrößten Rückversicherers gibt Antworten.
  • 9

MünchenDie Finanzkrise beschert uns zu Recht eine Debatte über den Kapitalismus, die sich in Deutschland an seiner gemäßigten Variante, der Sozialen Marktwirtschaft, festmacht. Dabei muss man sich stets klarmachen, dass die Soziale Marktwirtschaft als Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung nur einen Rahmen vorgeben will, innerhalb dessen die einzelnen Akteure wirken. Denn es geht ja darum, den kreativen Kräften der Menschen Raum zu geben und zu belassen, um ihre Wünsche bestmöglich zu befriedigen.

Die Fehlentwicklungen, die die Finanzkrise offenbart hat, betreffen dabei gleichermaßen den Rahmen wie auch die Art und Weise, mit der innerhalb dieses Rahmens gehandelt wird. Oft wird übersehen, dass eben auch der Rahmen der Sozialen Marktwirtschaft menschengemacht ist. Wenn, wie im Folgenden, verantwortliches Handeln gefordert wird, so gilt das also nicht nur für die Akteure im Finanzmarkt.

Die Festlegung und konkrete Ausgestaltung des Rahmens der Sozialen Marktwirtschaft erfolgen im Diskurs der gesellschaftlichen Kräfte, an dessen Ende der gefundene Konsens von der Legislative in die starre Form des Gesetzes gegossen wird. Und schon bei diesem für den Bürger gerade bei sperrigen Fragen der Finanzmarktverfassung oft wenig transparenten Prozess ist über die Zeit einiges schiefgelaufen. Einem blinden Vertrauen auf die segensreiche Kraft der Märkte folgend wurde die Regulierung entweder immer wieder zurückgenommen oder, auch wenn es angesichts der Produkt- und Marktentwicklung evident notwendig war, ganz unterlassen. Dabei haben Argumente die Oberhand gewonnen, denen man folgen konnte, aber eben nicht musste: der Druck des globalen Wettbewerbs bezüglich der Renditevorgaben oder des Standorts, die Notwendigkeit, das globale Wachstum zu beschleunigen, oder aber rein fiskalische Interessen. Ein Lobbying, das allein die Eigeninteressen zum Maß der Argumente macht, oder eine Politik, die die Vernunft auf dem Altar des globalen Wettbewerbs opfert, sind nur zwei Beispiele für eine viel zu enge Sicht der eigenen Verantwortung. Hinter diesem Vorgehen stehen immer Einzelne, die auch anders hätten entscheiden und handeln können, aber dies – übrigens oft mit Hinweis auf das Vorgehen anderer – als unmöglich bezeichneten. Die für unsere Gesellschaftsordnung so bedeutende Freiheit zur Entscheidung wurde nicht genutzt. Eine zusätzliche Herausforderung ist, dass der Prozess der unvernünftigen Deregulierung schleichend und unzusammenhängend verlief. Es war gar nicht so leicht, das unselige Zusammenwirken einzelner Entscheidungen zu erkennen. Aber: Es war auch nicht unmöglich.

Kommentare zu " Finanzkrise: Das System sind wir "

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Es gibt nur zwei Lösungen:
    Entweder werden die einzigen wirksamen Mechanismen gegen diese Exponentialverdichtung von Einkommen und Vermögen eingesetzt. Den Steuern. Also Vermögen abbauen durch erhebliche Vermögenssteuern. Und die Einkommen wieder von oben nach unten und mittlerweile sogar der geschröpften Mitte verteilen durch erhebliche Einkommenssteuern. Und damit sind eher 70-80% als 50% gemeint.
    Das gab es schon oft, z.B. durch den New Deal in den damals auch bereits kapitalistischen USA oder von Charles de Gaulle.

    Oder das System crasht komplett und es gibt einen Reset. Also eine Währungsreform.

    Die zweite Variante ging nie und wird nie ohne Krawalle durch Elend verursacht vonstatten gehen. Nie.

    Also, noch haben wir die Wahl. NOCH!

  • Das Hauptproblem spricht auch niemand Relevantes an. Das ist der Zinseszinseffekt. Wie mächtig der ist, ist am sogenannten Josefspfennig plastisch erklärt, bzw in seinen Dimensionen damit verständlich gemacht. Kurz erklärt:
    Geld, das Zinseszinsen trägt, wächst anfangs langsam; da aber die Rate des Wachstums sich fortwährend beschleunigt, wird sie nach einiger Zeit so rasch, dass sie jeder Einbildung spottet. Ein Pfennig, ausgeliehen bei der Geburt von Jesus auf Zinseszinsen zu 5 %, würde schon jetzt zu einer größeren Summe herangewachsen sein, als enthalten wäre in 150 Millionen Erden, alle aus purem Gold!! Würde Jesus nur die Zinsen jedes Jahr abheben, hätte er lediglich ein paar Mark an Zinsen kassiert!! Unvorstellbar!

    Geld wird erschaffen aus Zinsen. Das ist in knappen Grenzen OK, da kleine Zinssätze im Geschäftsverkehr Sinn machen und der Zinseszinseffekt (Josefspfennig) in überschaubaren, für die Weltwirtschaft in verträglichen Grenzen bleibt.
    Heutzutage ist der Anteil am weltweiten BIP durch Finanzgeschäfte aber selbstzerstörerisch.
    Die Zahlen, die ich jetzt nenne, kommen vom IWF.
    In den 70er Jahren war der Anteil der Ausgaben des Einkommens für Zinsen im Schnitt bei ca 10%. Zinsen direkt für Kredite, anteilig in Produktpreisen beim Konsum an den Zinsen bzw Renditen der Unternehmen, anteilig in Form von Steuern an den Zinsen des Staates etc.
    In den 80er bei fast 20% und heute bei ca 40%!!

    Das bedeutet, dass denjenigen, die weniger, gar keinen oder gar negative Belastung (also Einnahmen) ihres Einkommens an Zinsen haben das Geld von allen anderen zugespült bekommen.
    So funktioniert die immer höhere Verdichtung von Einkommen und Vermögen bei immer weniger Menschen.

    Diese Exponentialkurve (soll sich jeder mal graphisch anschauen, z.B. in entsprechenden Programmen einfach Y=X² eingeben) steigt eine Zeit lang sehr moderat an. Ab einem Zeitpunkt X explodiert sie. Und in diesen Zeiten sind wir.

  • Ich kann nur zustimmen, dass der Autor die Pflicht zu Regeln durch die Legislative und die Verantwortung der Erfinder von realwirtschaftlich sinnlosen immer komplexeren Produkten und für den normal Anleger nicht machbaren HFTs die Verantwortung abspricht. Er drückt sich eloquent aus. Letztendlich ist es aber die typische Masche, machen ja alle so. Ich finde das Statement sehr schwach und durchschaubar neo-liberal.
    Also, nicht Neues von der Wirtschafts-Elite!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%