Finanzkrise
Die andere Umverteilung

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Stellen Sie sich vor, nächste Woche an Heiligabend singen Ihre Kinder nach der Bescherung im Chor: „Wir wollen noch mehr, wir wollen noch einmal so viele Geschenke.“

So verhält sich die Finanzbranche. Egal, wie viel Geld und Garantien ihr Notenbanken und Regierungen zur Verfügung stellen – nie ist es genug. Ohne permanente staatliche Hilfe ist die Bankenwelt, das Symbol des Kapitalismus, weltweit im Moment nicht überlebensfähig, das ist die Bilanz der Branche für das ablaufende Jahr.

Ein wichtiger Nebeneffekt wird dabei leicht übersehen: Letztlich betreiben die Staaten so eine besondere Art von Umverteilung. Nicht von oben nach unten, sondern eher in die andere Richtung. Die smarten Mitspieler in der Finanzwelt können Chancen mit staatlich abgefederten Risiken bezahlen. Der Staat leistet so indirekt eine gewaltige Subvention. Er begünstigt die Branche und ihre Manager, die mit gezinkten Karten satte Stiche im Risikospiel einheimsen können. Er begünstigt Kreditnehmer, weil deren Zinsen künstlich gedrückt werden. Er begünstigt Anleger, die erfahren und vermögend genug sind, an den – staatlich genährten – Blasen der Finanzmärkte viel Geld zu verdienen.

Die Dummen sind Verbraucher und Kleinsparer, die das Spiel irgendwann mit sinkendem Geldwert bezahlen müssen, wenn den Notenbanken ihre Geldgeschenke außer Kontrolle geraten. Oder Bewohner von Regionen, wo die Grundstückspreise unbezahlbar werden, weil die Neureichen aus der Finanzwelt sie hochtreiben. Dumm dran sind auch viele andere Branchen, denen staatliche Unterstützung entgeht, obwohl sie tragfähigere Innovationen hervorbringen als die Banken. Sollte der Staat nicht eher neue Technologien und mittelständische Unternehmen fördern als Finanzkonzerne?

Diese schleichende Umverteilung der anderen Art gibt es schon seit Jahren. Sie hat ganze Städte wie New York und London reich gemacht. Sie erhält in Deutschland eine letztlich ineffiziente Struktur der Finanzbranche mit zahlreichen überflüssigen Landesbanken. Aber noch nie war die unsichtbare Hand des Staates in den Finanzmärkten so deutlich spürbar wie heute. Und noch nie ist ein Punkt so klar geworden: Letztlich traut sich keine Regierung und keine Notenbank, ihre Finanzbranche aufs Spiel zu setzen – egal, wie viel Kritik es dafür gibt und welche Strategien vorher für Krisenfälle ausgetüftelt wurden. So ist die Politik letztlich zur Geisel der Finanzwelt geworden.

All dies soll nicht heißen, dass die Politik im ablaufenden Jahr gravierende Fehler gemacht hätte. Sie handelt zurzeit aus einer Zwangslage heraus. Die Fehler haben sie und andere vorher gemacht: Die US-Notenbank war schon im Vorfeld der Krise zu großzügig und hat damit die Spekulation angeheizt; mittlerweile halten ihr sogar Amerikaner die Europäische Notenbank als Vorbild entgegen. Die deutsche Politik hat zu lange Kleinstaaterei bei den Landesbanken gepflegt und Kompetenzgerangel bei der Aufsicht geduldet – beides muss ein Ende haben.

Die Finanzkonzerne und ihre Manager sollten sich warm anziehen. Wer sich zu sehr auf den Staat verlässt, bekommt oft mehr davon, als er haben möchte – in Form neuer Vorschriften und Steuern: Die neue Art der Umverteilung weckt schnell den Ruf nach der altbekannten Version.

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