Finanzkrise
Die Skepsis bleibt unheilbar

Die US-Notenbank überschwemmt die Märkte mit Geld. Sie macht das intelligenter als bisher, aber es hilft dennoch kaum etwas.
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Auf zum letzten Gefecht. Im Kampf gegen die um sich greifende Kreditkrise mobilisiert die US-Notenbank alle Kräfte. Mehr als 400 Milliarden Dollar will Fed-Chef Ben Bernanke in den kommenden Wochen in die Kreditmärkte pumpen. Das ist die größte Liquiditätshilfe in der modernen Wirtschaftsgeschichte. Und doch ist es nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Zur Erinnerung: Der gesamte Markt für Hypothekenprodukte, den die Fed mit ihrer Liquiditätsspritze wieder flüssig machen möchte, hat etwa 6000 Milliarden Dollar Volumen.

Kein Wunder, dass weite Teile der Finanzwelt skeptisch reagieren. Zwar haben die Börsianer die stärkste Aktienrally seit fünf Jahren hingelegt. Und die Risikoaufschläge auf dem Interbankenmarkt und in einigen anderen Kreditmärkten sind leicht gesunken. Die Zuschläge liegen jedoch immer noch auf Krisenniveau. Die Investoren befürchten, dass auch die jüngste Liquiditätsspritze der Fed so schnell verpufft wie die drei vorherigen.

Zwar signalisiert die Fed mit ihrer unkonventionellen Maßnahme einen Kurswechsel. Statt allein auf das stumpfe Schwert weiterer Leitzinssenkungen zu vertrauen, versucht Bernanke jetzt, die Kreditklemme mit chirurgischen Eingriffen direkt zu lockern. Das ist ein Fortschritt, weil die neuen Liquiditätsspritzen zunächst keine inflationären Nebenwirkungen haben. Die Geldmenge bleibt unverändert.

Die Maßnahmen der Fed sind jedoch nicht der von vielen immer noch erhoffte Geniestreich, um die Abwärtsspirale auf den Finanzmärkten zu stoppen. Vielmehr handelt es sich um kurzfristige Liquiditätshilfen, um den eingefrorenen Markt für Hypothekenprodukte („mortgage backed securities“) wieder flüssig zu machen. Die Fed spekuliert darauf, dass der bisherige Preisverfall auf den Kreditmärkten weit überzogen ist und die panischen Anleger mit einem Liquiditätspolster zur Vernunft gebracht werden können. Niemand kennt jedoch den angemessenen Wert der Risikopapiere – auch nicht die Notenbank.

Die tiefer liegenden Ursachen der Krise – der dramatische Verfall der Hauspreise in den USA und vor allem das akute Misstrauen gegenüber Banken und anderen Finanzinstitutionen – werden von der Rettungsaktion nicht berührt. Der Feuerwehreinsatz der Fed könnte deshalb sogar kontraproduktiv wirken und das Vertrauen in den Bankensektor weiter untergraben. Dadurch, dass die Notenbank jetzt eine große Palette von Hypothekenprodukten als Sicherheit akzeptiert, verzögert sie eine Marktpreisbildung für diese Kreditderivate. Die direkt beteiligten Banken parken ihr Teufelszeug bei der Notenbank. Ob sie dafür bereit sind, von anderen Finanzinstituten und Investmentfonds deren Risikopapiere zu übernehmen, ist keineswegs ausgemacht. Fehlt dafür doch nicht die Liquidität, sondern das Vertrauen.

Die bittere Erkenntnis ist, dass die Geldpolitik die Katharsis auf den Finanzmärkten zwar verzögern, aber nicht verhindern kann. Nur wenn Regierung oder Notenbank die notleidenden Hypothekenpapiere direkt aufkaufen und so die Verluste sozialisieren, ließe sich die Krise wegzaubern. Mit Marktwirtschaft hätte das allerdings nichts mehr zu tun. Die Zeche würden Steuerzahler und Sparer zahlen. Undenkbar ist das trotzdem nicht. Die Fed ist davon nur noch einen Trippelschritt entfernt.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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