Finanzkrise
Die Wegseher

Die Finanzminister der sieben führenden Industrienationen (G7) und die Aufseher im Baseler Financial Stability Forum (FSF) haben bei ihrem Treffen in Tokio ein gerüttelt Maß an Gemeinsamkeit in der Krisenbekämpfung dokumentiert
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. Dennoch bestehen unterschwellig größere Spannungen, als nach außen hin sichtbar wird. Die Europäer befürchten, dass sich US-Behörden bei der Bewältigung der Finanzkrise mehr denn je nach eigenen wirtschaftlichen Interessen richten. Sie werfen den USA auch vor, alleine entscheiden zu wollen, welche Rolle der Internationale Währungsfonds (IWF) einnehmen soll.

Der Streit beginnt bei der Frage, wieso die internationale Finanzkrise, die Anfang letzten Jahres mit dem Zusammenbruch der Sekundärmärkte für Subprime-Kredite begann und sich auf das ganze Weltfinanzsystem ausweitete, nicht schon viel früher von den US-Aufsichtsbehörden entdeckt und entschärft wurde. Schließlich hat die Krise ja ihren Ausgang an den US-Immobilienmärkten genommen. Haben Aufseher zu lange weggeschaut, um die wundersame Geldvermehrung durch Verpackung, Verbriefung und weltweiten Verkauf strukturierter Finanzprodukte nicht vorzeitig zu beenden?

Die Beratungen im Rahmen des Baseler Forums sind in dieser Hinsicht äußerst aufschlussreich. Dieses Aufseherforum wurde im April 1999 von führenden Industrienationen, der G7, errichtet, um die Stabilität des internationalen Finanzsystems zu verbessern und Systemrisiken zu vermindern. Das war Teil der Bemühungen der G7 und des Internationalen Währungsfonds (IWF), um nach den Finanzkrisen in Asien und Russland die Krisenprävention und -bewältigung zu stärken.

In diesem unter dem Dach der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) angesiedelten Gremium haben die Vertreter der USA bis zur Bekanntgabe der gigantischen Wertberichtigungen führender US-Finanzhäuser den schon Anfang 2007 aufflammenden Schwelbrand am amerikanischen Hypothekenmarkt systematisch verharmlost. Als Beispiel führen Teilnehmer das Aufsehertreffen am 29. März 2007 in Frankfurt an, wo der für Finanzmarktaufsicht zuständige Notenbank-Gouverneur, Randall Kroszner, Fragen nach einer möglichen Ausweitung der Subprime-Krise in besonders aggressiver Weise zurückwies.

Auch nachdem die Probleme nicht mehr zu leugnen waren, haben sich US-Aufseher nach den Vorgaben der Wall Street gerichtet. So schlüpfte auf dem informellen Treffen des Forums zu Beginn des laufenden Jahres in Basel der Präsident der New Yorker Federal Reserve, Tim Geithner, in die Rolle eines Anwalts für die bedrängten Finanzhäuser seiner Stadt. Erstens dürften die Aufseher und Regulierer sich in der akuten Krise nicht „prozyklisch“ verhalten, also die prekäre Lage der Finanzindustrie nicht noch verschlimmern, forderte er. Zweitens müssten die Geldhäuser bei den anstehenden Kapitalerhöhungen genügend Zeit und Flexibilität bekommen. Und drittens schließlich müsse das Modell, Kredite zu verpacken, zu verbriefen und im weltweiten Finanzsystem zu verteilen, erhalten bleiben.

Auch wenn es um die Reformen der Ratingagenturen geht, geben die Mächtigen der US-Finanzindustrie die Richtung vor. Diese Agenturen, durch deren gute Bonitätsnoten für strukturierte Produkte sich viele Investoren getäuscht fühlen, werden von der US-Wertpapieraufsicht SEC zugelassen. In Basel wurde aber deutlich: Trotz der weltweiten Rufe nach mehr Selbstregulierung und mehr Transparenz der Ratingbranche zeichnen sich nur minimale Verbesserungen ab. Denn der von der SEC den Mitgliedern der IOSCO, der internationalen Vereinigung der Wertpapiermarktaufseher, vorgelegte Reformentwurf entspricht mehr oder weniger dem, was die US-Ratingagenturen selbst angeboten haben.

Bezeichnend ist zudem, dass die USA das vor zehn Jahren nach der Asienkrise dem IWF und der Weltbank übertragene Mandat, die Finanzsektoren der Mitgliedsländer schärfer zu überwachen, im eigenen Land nicht gelten lassen. Sie haben es nicht zugelassen, dass der IWF die Fehlentwicklungen bei Subprime-Krediten rechtzeitig untersuchte. Dass dabei auch Mängel bei europäischen Banken und Aufsichtsbehörden zutage traten, mag erklären, warum der Streit bis heute meist hinter verschlossenen Türen stattfindet.

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