Finanzkrise
Eiserne Regeln

  • 0

Die Finanzkrise zieht, kaum verwunderlich, auch politische Aktivitäten und Vorschläge nach sich. Noch ist es sicherlich zu früh, endgültige Lehren aus dem Geschehen zu ziehen. Aber vielleicht lassen sich ganz vorsichtig die Vorschläge, die herumschwirren, schon einmal vorläufig in mehr und in weniger wichtige und treffende sortieren.

Eine beliebte Forderung lautet, Ratingagenturen und Hedge-Fonds sollten transparenter werden. Das wäre in der Tat wünschenswert. Aber im Kern der heutigen Probleme steht vor allem die mangelnde Transparenz der Banken. Keine weiß, was die andere in den Büchern hat, deswegen leihen sie sich gegenseitig nur ungern Geld, und die Notenbanken müssen einspringen, was man auf Dauer nicht mehr als gesundes Finanzsystem bezeichnen kann.

Das Problem ist in dieser Schärfe neu. Früher haben Banken ihre Risiken behalten – daher wusste jeder so ungefähr, was der andere in den Büchern hat. Heute, wo die Risiken weltweit gehandelt werden, hat niemand mehr den Überblick. Für Wirtschaftsprüfer, Aufseher und vielleicht auch Gesetzgeber wäre also die dringendste Forderung, die Transparenz der Banken zu verbessern. Hedge-Fonds spielen dagegen keine derart zentrale Rolle wie die Banken für das Finanzsystem. Und bei Ratingagenturen fragt sich, was sie eigentlich noch transparenter machen sollen. Denn ihre grundsätzliche Arbeitsweise ist bekannt. Ihre finanzielle Abhängigkeit von den Firmen, die sie benoten, ebenfalls. In dem Punkt ist bisher auch noch niemandem ein besseres Modell eingefallen. Was sollen sie dann noch veröffentlichen? Jedes einzelne Rating im Detail? Da würden die Kunden sich bedanken – außerdem würde das ohnehin niemand verstehen.

Ein weiterer wichtiger Themenbereich ist die Finanzaufsicht. Hier warten wir in der Tat in Deutschland immer noch darauf, dass die beteiligten Institutionen – BaFin und Bundesbank – sich in einigermaßen konsistenter Weise zu der Krise äußern und dazu, wie sie künftig Fälle wie IKB und SachsenLB verhindern wollen. Der Finanzminister bastelt an neuen Vorschlägen für die Struktur der Aufsicht, außerdem schwirren jede Menge Ideen herum, wem man mehr oder weniger Einfluss geben sollte.

Vordringlicher wäre ein anderer Punkt. Im Kern der Krise stecken die „Zweckgesellschaften“, deren Zweck offenbar in erster Linie darin besteht, die Vorschriften der Aufsicht zu umgehen. Dabei ist kaum anzunehmen, dass die Aufseher nie etwas davon mitbekommen haben. Aber offenbar läuft es im Moment weltweit so, dass Banken sich mit formalen Tricks – etwa der Ausgliederung des Geschäfts aus der Bilanz – auch vor der eigentlich von der Aufsicht geforderten Unterlegung ihrer Risiken mit ausreichendem Kapital drücken können.

Daher lautet die wichtigste Forderung: Künftig müssen Banken und Aufseher nach der eisernen Grundregel handeln, dass wirklich jedes Risiko mit entsprechendem Kapital zu unterlegen ist. Und zwar egal, ob dieses Risiko in der Bilanz oder unter dem Bilanzstrich oder überhaupt nicht aufgelistet ist, und egal, ob es ein Kredit oder eine Bürgschaft oder eine anderweitige etwaige Zahlungsverpflichtung ist. Egal auch, ob das Risiko in New York, in Frankfurt oder auf Nauru existiert. Diese Regel muss so eisern als Grundsatz über allen Detailvorschriften stehen, dass die Banker bei jedem Versuch, daran vorbeizutricksen, nachts davon träumen müssen, dass sie BaFin-Chef Jochen Sanio beim Frühstück besucht.

Die zweite Frage lautet: Wie sind solche Risiken zu bewerten? Hier sollte es einen weiteren eisernen Grundsatz geben: im Zweifel gegen den Angeklagten. Wenn Banken zum Beispiel einen Hedge-Fonds mit Kredit vorsorgen, sollten sie dafür ein maximales Risiko unterstellen – es sei denn, sie können der Aufsicht nachweisen, dass das tatsächliche Risiko niedriger ist. Auf diesem Wege käme man auch dem Thema „Transparenz der Hedge-Fonds“ ein paar Schritte näher.

Die USA sollten sich zudem darauf konzentrieren, Auswüchse in der Baufinanzierung künftig zu verhindern. Auch hier hat die moderne Finanzwelt neue Probleme geschaffen: Im traditionellen Geschäft hat jede Bank ein Interesse, dass der Kunde seinen Kredit tatsächlich bedienen kann. Wenn der Kredit sofort weiterverkauft werden kann, sinkt dieses Interesse. Zwar dürfte sich dieses Problem auch über den Markt lösen, weil die Aufkäufer von Krediten vorsichtiger werden. Doch Märkte haben ein kurzes Gedächtnis, die Aufsicht muss daher wahrscheinlich bald wieder nachhelfen.

Fazit: Die Banken und die Bankenaufsicht stehen im Kern der Krise und des gesamten weltweiten Finanzsystems. Bei ihnen müssen daher auch die Verbesserungsvorschläge ansetzen.

Kommentare zu " Finanzkrise: Eiserne Regeln"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%