Finanzkrise
G20 und die Mühen der Kriseneindämmung

Fast 100 Tage sind es her, da sich die 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer bei ihrem Gipfeltreffen in London auf eine gemeinsame Kraftanstrengung zur Stützung der Weltwirtschaft und zum Aufbau einer neuen Finanzordnung geeinigt haben. Viele Regierungen sind jedoch noch derart mit dem akuten Krisenmanagement befasst, dass sie Mühe haben, über den Tag hinaus zu blicken.

Es gilt jedoch, was der Generaldirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), Jaime Caruana, gestern in Basel beschworen hat: Wenn wir die Chance nutzen wollen, die uns die Krise bietet, müssen wir die angedachten Reformen zügig in Angriff nehmen.

Der freie Fall der Weltwirtschaft in den ersten drei Monaten des Jahres ist gestoppt. Die wirtschaftliche Soforthilfe der Notenbanken und Regierungen wird ihre stimulierende Wirkung auf die Konjunktur in den nächsten Monaten entfalten. Die Frage ist jedoch, ob dadurch ein nachhaltiger Aufschwung oder nur ein konjunkturelles Strohfeuer entzündet wird. Viele unterschätzen nicht nur die Zeit, bis alle Ungleichgewichte abgebaut sind und die Wirtschaft auf den Wachstumspfad zurückfindet. Verkannt wird auch, dass die notwendige Staatshilfe sehr schnell von einem Segen zu einem Fluch umschlagen kann. Die kontraproduktiven Wirkungen wachsender Staatsschulden auf Zinsen und Inflation sind ebenso ein warnendes Beispiel dafür wie die Wettbewerbsverzerrungen, die durch die Staatseingriffe entstanden sind.

Noch ist es zwar zu früh, den Patienten Weltwirtschaft aus der staatlichen Klinik zu entlassen. Aber der Zeitpunkt, da die Wirtschaft wieder auf eigenen Füßen stehen muss, wird eher früher als später kommen. Es ist deshalb richtig, dass Finanzminister und Notenbanker ihre "Exit-Strategien" nicht nur vorbereiten, sondern erste Schritte zurück in eine neue Normalität unternehmen. Konkret: Die ehrgeizigen Konjunkturprogramme müssen von ebenso ehrgeizigen Plänen zum Schuldenabbau ergänzt werden. Die Zentralbanken sollten jetzt beginnen, die zahlreichen Geldhähne, die sie aufgedreht haben, langsam wieder zu schließen. Die Zinswende steht jedoch nicht am Anfang, sondern am Ende dieser Entziehungskur.

Gelingen kann die Rückkehr in die Normalität aber nur, wenn zuvor das Finanzsystem vollständig repariert ist. Die BIZ, die als Bank der Notenbanken vermutlich den besten Überblick über den Finanzsektor hat, weist darauf hin, dass es hier noch viel zu tun gibt. Noch immer weigern sich Banken und ihre Regierungen, das volle Ausmaß der notwendigen Bilanzkorrekturen anzuerkennen. Die Amerikaner sind mit ihren Stresstests zwar weiter vorangekommen als die Europäer. Aber auf beiden Seiten des Atlantiks ist der Prozess einer Rekapitalisierung der Banken noch lange nicht abgeschlossen.

Ohne weitere staatliche Hilfen wird es nicht gehen, auch wenn die privaten Kapitalerhöhungen einiger Finanzhäuser in den letzten Wochen ermutigend sind. Kurzfristig befinden wir uns in der schizophrenen Gefahr, dass sich der Staat in der Geld- und Fiskalpolitik eher zu spät und bei der Sanierung der Banken eher zu früh zurückzieht.

Angesichts dieses schwierigen Balanceakts scheint es fast einfacher zu sein, sich auf die Grundzüge einer neuen Finanzordnung zu einigen. Tatsächlich hat sich auf nahezu allen Feldern, wo die G20 im April Handlungsbedarf festgestellt hat, ein internationaler Konsens herausgebildet. Einig ist man sich zum Beispiel, dass nicht nur Banken, sondern alle systemwichtigen Finanzinstitute künftig mehr Kapital vorhalten müssen. Ein Schatten-Bankensystem außerhalb der Bilanzen und der Sicht der Finanzwächter wird es nicht mehr geben. Auch eine "Leverage Ratio", also eine Mindesthöhe des Kernkapitals im Verhältnis zur Bilanzsumme, wird kommen, um einer exzessiven Verschuldung vorzubeugen. Selbst in der entscheidenden Frage, wie man die Systemrisiken von Großbanken in den Griff bekommen kann, zeichnet sich eine Lösung ab. Sowohl in den USA als auch in Europa denkt man über Wachstumsbremsen nach.

Auch auf der mikroökonomischen Ebene haben Politiker, Finanzwächter und auch die Banken selbst erste Veränderungen eingeleitet. Dass die Bezahlung der Banker künftig stärker an den langfristigen Erfolg ihrer Arbeit gekoppelt werden muss, ist unstrittig. Einigkeit herrscht auch, dass komplexe Finanzprodukte besser auf zentralen Handelsplattformen aufgehoben sind als in kaum nachvollziehbaren "Over-the-counter"-Transaktionen.

Trotz dieser ermutigenden Schritte gibt es noch heikle ungelöste Fragen. Zwar haben die Notenbanker inzwischen eingesehen, dass sie mehr machen müssen, als nur die wirtschaftlichen Scherben nach dem Platzen einer Spekulationsblase zusammenzufegen. Die Inflation von Vermögenswerten wird künftig heller auf den Radarschirmen der Zentralbanken aufleuchten. Mit welchen Mitteln sie sich im nächsten Boom dem Zeitgeist entgegenstemmen wollen, ist aber noch lange nicht ausdiskutiert. Auch die künftige Doppelrolle der Notenbanken als Wächter der Preisstabilität und des Finanzsystems bringt kaum lösbare Interessenkonflikte mit sich.

Zwei entscheidende Fragen bleiben bislang völlig unbeantwortet: Wie gelingt es uns, ein neues, gesünderes Gleichgewicht zwischen exportgetriebenem Wachstum einerseits und kreditgetriebenem Konsum andererseits herzustellen? Und: Inwieweit sind wir bereit, Abstriche bei der gewohnten Effizienz des Finanzsystems zu machen, um eine größere Systemstabilität zu erreichen.

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