Finanzkrise
Im Abwärtsstrudel

Viele Jahre war der amerikanische Verbraucher der Wachstumsmotor für die Weltwirtschaft. Jetzt geht ihm die Puste aus.
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Luxushändler wie der Juwelier Tiffany melden rückläufige Erlöse. Beim Telekomriesen AT&T stapeln sich die unbezahlten Rechnungen. Der Kreditkartenanbieter American Express muss mehr Rückstellungen für Kreditausfälle bilden. Bei den amerikanischen Autohändlern drängen sich unverkaufte Neuwagen auf den Höfen.

US-Notenbank-Chef Ben Bernanke spricht offen davon, dass die Kreditklemme bei den Banken jetzt auch die Konsumenten trifft. Und die Regierung in Washington bereitet mit Hochdruck ein Konjunkturprogramm von bis zu 100 Mrd. Dollar vor. Das ist selbst für nervenstarke Börsianer zu viel. Konsumängste ließen den Dow-Jones-Index am Freitag um 250 Punkte in die Knie gehen.

Bislang hing vor allem der Bausektor wie ein Mühlstein am Hals der US-Konjunktur. Die Baubranche steht jedoch nur für knapp fünf Prozent der Wirtschaftsleistung Amerikas. Viele Ökonomen hatten deshalb gegen Rezessionsängste argumentiert. Solange der Konsum nicht einknicke, so ihr Argument, werde auch die US-Wirtschaft dem Sturm standhalten. Immerhin hängen rund 70 Prozent des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts von der Kauffreude der Verbraucher ab.

Und diese Konsumlust hat bereits anderen Stürmen standgehalten. Selbst die Terroranschläge vom 11. September 2001 konnten den Amerikanern den Shopping-Spaß nicht verderben. Dank kräftiger Zinssenkungen der Notenbank und rasant steigender Hauspreise steckten sie den Schock weg, ohne mit der Kreditkarte zu zucken. „Diesmal ist es anders“, warnen jedoch die Pessimisten. „Die Konsumenten haben keine Reserven mehr“, sagt der US-Ökonom Paul Kasriel.

Tatsächlich kommt es im Moment knüppeldick. An der Zapfsäule zahlen die Amerikaner heute mehr als drei Dollar für die Gallone (3,78 Liter) Benzin. Vor einem Jahr waren es noch 2,30 Dollar. Mit den Hauspreisen sinkt zugleich das Vermögen vieler Amerikaner. Die Talfahrt der Börsen wirkt in dieselbe Richtung. Die letzte Verteidigungslinie war bis-lang der stabile Arbeitsmarkt. Der Anstieg der Arbeitslosenquote im Dezember auf fünf Prozent zeigt jedoch, dass sie bröckelt. Kommt es zu Massenentlassungen – die Citigroup wird vermutlich bereits morgen den Anfang machen –, wird sich die Abwärtsspirale beschleunigen.

Kein Wunder, dass bei der Notenbank und Regierung Alarmstufe Rot herrscht. Fed-Chef Bernanke hat bereits weitere kräftige Zinssenkungen in Aussicht gestellt. Die wirken jedoch erst mit einer Zeitverzögerung von bis zu einem Jahr: viel zu spät, um eine Rezession noch abzuwenden. Präsident George W. Bush, der Kongress und auch die Präsidentschaftskandidaten beider Parteien überbieten sich deshalb mit Vorschlägen für ein staatliches Konjunkturprogramm. Die Bush-Administration und der Kongress planen angeblich ein Paket aus Steuersenkungen und Ausgabensteigerungen von rund 100 Mrd. Dollar.

Hillary Clinton hat als demokratische Bewerberin ein Sofortprogramm von 70 Mrd. Dollar vorgeschlagen, das sie im Notfall um weitere 40 Mrd. Dollar aufstocken will. Ihr schärfster Rivale Barack Obama wird diese Woche nachziehen. Auf dem Tisch liegt bereits sein Vor-schlag, den einkommensschwachen Amerikanern mit einem Steuerrabatt von 500 Dollar pro Haushalt unter die Arme zu greifen. Die republikanischen Kandidaten Rudy Giuliani, John McCain und Mitt Romney setzen auf massive Steuersenkungen, um den stotternden Konsummotor wieder zum Laufen zu bringen.

Ökonomen bezweifeln jedoch, dass sich die großen Parteien ausgerechnet im heißen Wahlkampf schnell auf ein Konjunkturpaket einigen können. Um erfolgreich zu sein, müsste die Rettungsaktion gezielt den mittleren und schwächeren Einkommensschichten helfen, die besonders stark konsumieren. Und noch eines müssen Demokraten und Republikaner bedenken: Soll das Konjunkturprogramm nicht zu einer Zeitbombe für den Haushalt werden, muss es befristet sein. Gerade das erscheint nach den Erfahrungen mit Bushs früheren Steuersenkungen illusorisch. Nach dem Willen des Präsidenten sollen sie bis in alle Ewigkeit verlängert werden.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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