Finanzkrise
Kommentar: Bleibender Schaden

Viele hofften, dass das Zittern um die Bilanzen einiger der stolzesten Geldhäuser dieser Welt mit der Vorlage der Ergebnisse für das Jahr 2007 vorüber sein würde. Die Hoffnung täuschte, mittlerweile ist es mehr als wahrscheinlich, dass weitere Wellen milliardenschwerer Abschreibungen auf die Bankenwelt zurollen.
  • 0

Wenn Ruhe nicht die erste Bürgerpflicht wäre, dann könnte einem wirklich angst und bange werden. Seit acht Monaten hat die große Kreditkrise die Kapitalmärkte jetzt fest in ihrem Griff. Besserung ist nicht in Sicht. Von den Problemen, welche die Finanzwelt in Atem halten, ist bislang kein einziges gelöst.

Im Gegenteil, mit jedem Monat, ja beinahe mit jeder Woche kommen neue Schwierigkeiten hinzu. Und jede neue Runde nährt den Verdacht, dass wir es nicht mit einer gesunden – wenn auch sehr schmerzlichen – Korrektur nach einer Phase der Überhitzung zu tun haben, sondern mit einem strukturellen Bruch. Und der dürfte nicht nur in der Finanzwelt, sondern auch in der Realwirtschaft bleibenden Schaden hinterlassen.

Das Epizentrum der Verwerfungen liegt am Markt für zweitklassige Immobilienkredite in den Vereinigten Staaten. Von da aus breiten sich die Schockwellen in immer größeren Kreisen aus, von den Hedge-Fonds über die Beteiligungsgesellschaften, die Banken bis hin zur opaken Welt der Kreditversicherer. Keine dieser Zeitbomben ist bislang entschärft. Noch immer kollabieren große Hedge-Fonds, noch immer sitzen die Banken auf Hunderten von Milliarden von Übernahmefinanzierungen, die sie nicht weiterverkaufen können.

Viele hofften, dass das Zittern um die Bilanzen einiger der stolzesten Geldhäuser dieser Welt mit der Vorlage der Ergebnisse für das Jahr 2007 vorüber sein würde. Die Hoffnung täuschte, mittlerweile ist es mehr als wahrscheinlich, dass weitere Wellen milliardenschwerer Abschreibungen auf die Bankenwelt zurollen. Dazu kommen neue Probleme wie die hässliche Tatsache, dass das Misstrauen mittlerweile auch Immobilienkredite von Schuldnern mit guter Bonität erfasst hat. Noch ist kein Ende der Abwärtsspirale abzusehen, und solange der Erdrutsch nicht zum Stillstand gekommen ist, können auch die Aufräumarbeiten nicht ernsthaft beginnen.

Trotz der tollkühnen Rettungsversuche der US-Notenbank mit ihrer Flut von Zinssenkungen wird es lange dauern, bis sich die Märkte von den Schocks der vergangenen Monate auch nur annähernd erholt haben. Noch länger wird es dauern, bis die Banken zu alter Risikofreude zurückfinden und die Investoren wieder Vertrauen zu komplexeren Finanzinstrumenten fassen. Die Spätfolgen der Krise muss man wohl in Jahren und nicht in Monaten messen.

Längst ist klar, dass die Verwerfungen an den Finanzmärkten auch in der Realwirtschaft tiefe Spuren hinterlassen werden. Der kurzfristige Ausblick ist düster genug: eine Rezession in den USA, mehr Unternehmenspleiten und wahrscheinlich der Kollaps der einen oder anderen Bank. Aber wie werden die langfristigen Konsequenzen der Krise aussehen?

Das Wachstum der westlichen Industrieländer wurde in den vergangenen Jahren von einer riesigen Liquiditätswelle getrieben. Geld war so billig zu haben wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Dieses Reservoir an günstigem Kapital ist erst einmal ausgetrocknet. Und je länger die Finanzkrise dauert, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass die Ära des günstigen Kredits erst einmal beendet ist. Die Weltwirtschaft wird sich daran gewöhnen müssen, bis auf weiteres ohne dieses Schmiermittel auszukommen. Der Entzugsschock dürfte nicht leicht zu verkraften sein.

Kommentare zu " Finanzkrise: Kommentar: Bleibender Schaden"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%