Finanzkrise
Kommentar: Die Rache der Regulierer

Die USA reformieren ihre Finanzaufsicht. Ein guter Anfang - aber es bleibt noch mehr zu tun.
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Die Finanzkrise fordert ihren Tribut. Nur zwei Wochen nach der dramatischen Rettungsaktion der amerikanischen Investmentbank Bear Stearns durch die US-Notenbank melden sich jetzt Politiker und Finanzaufseher zu Wort und fordern, die außer Kontrolle geratene Finanzbranche an die Kette zu legen.Die Rache der Aufseher ist folgerichtig. Niemand kann erwarten, dass Notenbanken und Finanzminister Banken und Broker mit massiven Liquiditätshilfen aus dem Sumpf ziehen und danach die Hände wieder in den Schoß legen.

Die jetzt von US-Finanzminister Henry Paulson vorgelegt Blaupause für eine neue Finanzaufsicht in Amerika kann nur der Startschuss für eine überfällige Debatte sein. Zu sehr sind die geplanten Reformmaßnahmen auf die Missstände in den USA zugeschnitten, zu zögerlich gehen sie mit den Kernproblemen der Krise um. Für ein international abgestimmtes Vorgehen taugen sie deshalb nur bedingt. Neue Regeln müssen angesichts der weltweiten Verflechtung der Finanzmärkte jedoch global sein, sonst verpuffen sie ohne Wirkung. Dennoch enthalten die Vorschläge des US-Finanzministers wichtige Grundgedanken.

Die Leitlinien im Ringen um die richtige Balance zwischen Staat und Markt müssen Zurückhaltung, Umsicht und ökonomische Vernunft sein. Mit populären Schnellschüssen ist niemanden gedient. Im Gegenteil. Unter den Folgen des berüchtigten Sarbanes-Oxley-Gesetzes, das der US-Kongress nach den Bilanzskandalen von Enron & Co. durchgepeitscht hat, leiden die Kapitalmärkte in Amerika noch heute. So verständlich das Bestreben ist, schnell und entschlossen auf die Krise zu reagieren, so groß ist das Risiko, das damit unbeabsichtigte Folgekosten erzeugt werden.

Umsicht ist schon deshalb gefragt, weil die Krise nicht so leicht mit den politischen Denkschablonen in den Griff zu bekommen ist. So stehen nicht etwa die misstrauisch beäugten Hedge-Fonds oder Private-Equity-Firmen im Zentrum des Sturms, sondern die seit langem stark regulierten Banken. Wer jetzt pauschal nach der starken Hand des Staates ruft, macht es sich zu einfach. Offenbar wurde in vielen Fällen nicht zu wenig, sondern zu schlecht reguliert. Eine Reform der Finanzaufsicht muss deshalb zunächst bei den Aufsehern selbst beginnen. Insofern setzt der Paulson-Plan an der richtigen Stelle an.

Aber er lässt eben zu viele Fragen offen. So führt kein Weg daran vorbei, dass Brokerhäuser demnächst ähnlich kontrolliert werden müssen wie Geschäftsbanken. Das bedeutet auch höhere Kapitalauflagen bei höheren Risiken. Die Trennung von Brokern und Banken hat sich durch das Zusammenwachsen der Finanzbranche längst überlebt. Es ist nicht wichtig, ob die Risiken bei Banken, Bausparkassen oder Hedge-Fonds entstehen. Entscheidend ist, dass eine Finanzaufsicht überall dort eingreift, wo ein großer Kredithebel angesetzt wird, der das ganze Finanzsystem zum Kippe bringen kann.

Trotz aller Bemühungen wird es uns jedoch nicht gelingen, künftige Finanzkrisen zu verhindern. Das Risiko ist das Lebensblut der Marktwirtschaft. Wir können nur dafür sorgen, dass die wirtschaftlich Handelnden nicht nur die Früchte ihrer Risikofreude ernten, sondern auch für die Folgen geradestehen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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