Finanzkrise: Kommentar: Spielball der Märkte

Finanzkrise
Kommentar: Spielball der Märkte

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Die Panik der Märkte hat jetzt auch die amerikanische Notenbank erreicht. Anders lässt sich nicht erklären, warum die Federal Reserve (Fed) nur eine Woche vor ihrer nächsten Sitzung die Leitzinsen in den USA drastisch um 0,75 Prozentpunkte gesenkt hat. Wenn es der Fed wirklich um eine Rettung der Wirtschaft gegangen wäre, hätte sie auch noch sieben Tage warten können. Ökonomisch macht das keinen Unterschied. Psychologisch bleibt allerdings der fatale Eindruck, dass es den Notenbankern weniger um die Konjunktur, sondern vielmehr um das Wohlergehen der Investoren an den Finanzmärkten ging.

Die Notmaßnahme von Fed-Chef Ben Bernanke zeigt, dass eine Rezession in Amerika kaum noch abzuwenden ist. Vermutlich hat sie bereits begonnen. Wichtiger sind jedoch die langfristigen Folgen der Rettungsaktion. Wie bereits nach dem Platzen der Technologieblase 2001 springt die Fed Wirtschaft und Börsen zur Hilfe und verhindert damit die notwenige Katharsis an den Finanzmärkten.

Dass die Fed erneut den Sirenengesängen der Börsianer erliegt, macht sie zum Spielball der Märkte. Der Wunschzettel der Investoren ist noch lange nicht abgearbeitet: Bereits jetzt fordern Händler an der Wall Street eine weitere Zinssenkung um einen halben Prozentpunkt nächste Woche. Auch die Europäische Zentralbank müsse handeln. Außerdem sollen US-Regierung und Kongress ein wesentlich umfangreicheres Konjunkturprogramm auf die Beine stellen als bislang geplant. Und schließlich müsse der Staat noch eine Garantie für die notleidenden Bondversicherer abgeben, deren Krise wie ein Damoklesschwert über den Kreditmärkten hängt.

Dabei ist es überaus fraglich, ob die Zinssenkungen der Fed überhaupt den erhofften Erfolg haben. Die bisherigen Erfahrungen sind jedenfalls nicht gerade ermutigend. Weder die geldpolitische Lockerung um einen vollen Prozentpunkt noch die massiven Liquiditätshilfen konnten bislang die Finanzmärkte beruhigen oder die wirtschaftliche Talfahrt stoppen. Handelt es sich doch bei der Finanzkrise im Kern nicht um ein Liquiditätsproblem, sondern um einen massiven Vertrauensverlust. Dem kann man sich jedoch mit Zinssenkungen nicht entgegenstemmen. Selbst die Erwartung vieler Ökonomen, mit Hilfe von niedrigeren Zinsen die wirtschaftlichen Folgen der Finanzkrise zu mildern, ist eine Illusion. In der Ära des Finanzkapitalismus lässt sich die Konjunktur nicht von dem Geschehen auf den Kreditmärkten abkoppeln.

Die Talsohle der Krise ist erst erreicht, wenn wirklich alle Risiken offen gelegt sind. Solange Banken und Bondversicherer weiterhin nur stückweise mit ihren schlechten Nachrichten herausrücken, kann das Vertrauen an den Märkten nicht zurückkehren. Notwendige ist vielmehr eine schonungslose Ehrlichkeit und mehr Zeit.

Die bittere Erkenntnis ist, dass es ohne eine Rezession vermutlich keinen wirtschaftlichen Neuanfang in den USA geben wird. Bereits 2001 hat die Notenbank mit massiven Zinssenkungen versucht, die Marktreinigung zu verhindern. Das Ergebnis dieses Sündenfalls sehen wir heute. Die Fed muss die Scherben jener Immobilien-Party zusammenfegen, die sie vor sieben Jahren selbst kräftig angeheizt. Klüger ist sie durch diese Erfahrung offenbar nicht geworden.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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