Finanzkrise
Neue Fieberschübe drohen

War es das jetzt wirklich? Haben wir in der vergangenen Woche den Anfang vom Ende der schlimmsten Finanzkrise seit den 30er-Jahren erlebt?
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Für den langsam aufkeimenden Optimismus an den Märkten gibt es vor allem zwei Gründe: Die Anleger scheinen den Banken inzwischen abzunehmen, dass sie ihre Karten in Sachen Subprime-Verluste offen auf den Tisch legen. Zum anderen, und dies ist der wichtigere Grund, sind viele Investoren seit der Rettung der US-Investmentbank Bear Stearns davon überzeugt, dass Zentralbanken und Regierungen alles in ihrer Macht Stehende tun werden, um der Finanzkrise ein möglichst schnelles Ende zu setzen. Auch wenn das heißt, dass sie im Notfall den privaten Banken die riskantesten Wertpapiere direkt abkaufen und damit die Verluste verstaatlichen.

Beide Vermutungen mögen richtig sein. Doch daraus bereits auf ein Ende der Turbulenzen zu schließen wäre ziemlich fahrlässig. Die Wunden, die die Finanzkrise geschlagen hat, sind so tief, dass sich der Heilungsprozess lange hinziehen wird. Nach neun Monaten Subprime-Seuche ist das internationale Finanzsystem derart geschwächt, dass es äußerst anfällig für Rückfälle aller Art ist. Und die nächste Ansteckungsgefahr lauert schon um die Ecke.

Abgesehen von den Verlusten und Beinahepleiten vieler Kreditinstitute, droht ja noch die sehr reale Gefahr einer Rezession der Wirtschaftssupermacht USA und in der Folge eine empfindliche Abkühlung der Weltkonjunktur. Ist es erst einmal so weit, dann werden auch die Zahlungsausfälle bei Darlehen und Firmenanleihen steigen. Genau hier droht die nächste Eskalationsstufe.

Wieder geht es um Finanzinnovationen auf den Kreditmärkten mit kryptischen Abkürzungen, wie sie bereits im Zentrum der Subprime-Krise standen. Dieses Mal lautet das Akronym, das sich die Anleger gut merken sollten, CDS - Credit Default Swap. Entwickelt wurden die CDS vor einigen Jahren für einen sehr ehrbaren Zweck: Mit den Kreditderivaten können sich Investoren durch Zahlung einer Prämie gegen Ausfälle bei Unternehmensanleihen und Krediten absichern. Doch dieser Zweck hat sich ins Gegenteil verkehrt. Inzwischen wird mit den CDS vor allem spekuliert. Das beweist die Tatsache, dass das Volumen der Kreditderivate die Summe der zu versichernden Anleihen und Kredite längst um ein Vielfaches übersteigt.

Auf über 45 Billionen Dollar ist der Markt der Kreditderivate in den vergangenen Jahren explodiert. Wenn dieser gewaltige Berg einmal ins Rutschen gerät, dann begräbt er alle Hoffnungen auf ein schnelles Ende der Finanzkrise unter sich. Bill Gross, der für die Allianz-Tochter Pimco den größten Rentenfonds der Welt managt, warnt, dass eine Krise der Credit Default Swaps noch einmal Zahlungsausfälle von einigen Hundert Milliarden Dollar nach sich ziehen könnte. Als Gross die Finanzkrise das „Billionen-Dollar-Problem“ nannte, übertrieb er nicht.

Es muss nicht so weit kommen. Die Argumente der Optimisten, die vergangene Woche auftraten, haben durchaus ihr Gewicht. Aber es besteht die reale Gefahr, dass wir auf eine Abwärtsspirale zusteuern, in der sich Finanz- und Wirtschaftskrise in neuen Schüben gegenseitig verstärken.

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