Finanzkrise
Paulsons Plan steckt voller Tücken

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Wenn jemand früher seine Schulden nicht mehr zahlen konnte, bat er meist seine Hausbank, ihm die Rückzahlung zu stunden. Im Idealfall war der Aufschub in beiderseitigem Interesse: Der Schuldner erhielt eine zweite Chance. Die Bank nahm zwar einen geringeren Zinsgewinn in Kauf, konnte jedoch einen viel schmerzlicheren Ausfall des Kredites verhindern.

An diese simple Idee hat sich jetzt US-Finanzminister Henry Paulson erinnert. Da Millionen amerikanischer Hausbesitzer ihre Hypothekenlasten nicht mehr stemmen können, will er ihnen eine Atempause verschaffen. Die variablen Zinsen sollen eine Zeit lang eingefroren werden. Auch Paulson hegt die Hoffnung, dass er auf diese Weise zahlreichen Familien das eigene Heim und ihren Gläubigern zumindest den Großteil ihrer Forderungen bewahren kann.

Der Rettungsplan hat nur einen Haken: Die modernen Finanzmärkte funktionieren nicht mehr so wie in der guten alten Zeit. Durch die Verbriefung und den weltweiten Weiterverkauf von Schuldtiteln kennen sich Schuldner und Gläubiger nicht mehr. Der zahlungsunfähige Häuslebauer in Kalifornien hat niemanden mehr, zu dem er gehen und um einen Zahlungsaufschub bitten könnte. Seine Hypothek liegt vielleicht in dem Portfolio eines Hedge-Fonds in Kansas oder im Depot einer Landesbank in Deutschland.

Das beschreibt nur einen Teil der Schwierigkeiten, die mit dem jüngsten Versuch der US-Regierung verbunden sind, die Folgen der Immobilienkrise zu mildern. Nach allem, was bekannt ist, versucht der Finanzminister zusammen mit führenden Kreditinstituten wie Citigroup, Wells Fargo, Washington Mutual und Countrywide Financial rund zwei Millionen Hausbesitzern zur Hilfe zu eilen, die in den kommenden zwei Jahren mit einem zum Teil drastischen Anstieg ihrer variablen Hypothekenzinsen rechnen müssen. Jene Darlehensnehmer haben sich oft von billigen Einstiegsraten locken lassen, dabei aber verdrängt, dass die Zinslast nach zwei Jahren kräftig steigt.

Das Argument von Paulson ist auf den ersten Blick überzeugend: Wenn die Gläubiger den Zinsanstieg für ein paar Jahre aufschieben, verzichten sie zwar auf einen Teil ihrer Gewinne. Dafür mindern sie jedoch das Risiko, so zumindest die Hoffnung, dass die Darlehensnehmer zahlungsunfähig werden und ihre Häuser bei einer Zwangsversteigerung erheblich unter dem Buchwert verkauft werden müssen. Zugleich, und das ist natürlich das politische Ziel der Aktion, können die klammen Schuldner in ihrem Eigenheim wohnen bleiben.

Die Probleme beginnen jedoch bereits mit der so genannten „Hope Now Alliance“, wie sich die von Paulson geführte Rettungstruppe nennt. Da der Finanzminister unmöglich alle Beteiligten der Verbriefungskette im modernen Hypothekengeschäft an einen Tisch bringen kann, hat er sich auf jene Kreditinstitute beschränkt, die für das Eintreiben von Zinsen und Tilgungszahlungen verantwortlich sind. Die Zinsverluste durch den geplanten Zahlungsaufschub tragen jedoch nicht die Finanzdienstleister, sondern all jene Investoren, in deren Depots die wackligen Hypotheken gelandet sind. „Politiker sprechen mit Finanzdienstleistern über das Geld anderer Leute“, hat es ein US-Experte auf den Punkt gebracht.

Hinzu kommt, dass der staatlich vermittelte Zahlungsaufschub nur jenen zugutekommen soll, die grundsätzlich ihre Hypothekenlast tragen, nur im Moment einen Zinsanstieg nicht verkraften können. Wer also zahlungsfähig ist, geht genauso leer aus wie derjenige, der selbst bei stabilen Zinsen das Handtuch werfen muss. Wie die drei Gruppen auseinandergehalten werden sollen, bleibt ein Rätsel. Sind doch viele der betroffenen Hypothekenverträge ohne ausreichende Informationen über Einkommens- und Vermögensverhältnisse abgeschlossen worden. Will man die Angaben nachträglich einsammeln, schafft man ein bürokratisches Monster. Zudem entsteht der perverse Anreiz, die eigene finanzielle Lage dramatischer darzustellen als sie ist.

Die Rettungsaktion könnte den Kreditmärkten langfristig mehr schaden als nutzen. Müssen Investoren künftig ein politisches Risiko bei ihren Zinsgewinnen einkalkulieren, dürfte ihr Appetit auf Schuldtitel, die mit Forderungen aus Hypothekendarlehen besichert sind, deutlich zurückgehen. Damit sinkt das Kreditangebot für alle, die noch vom eigenen Heim träumen. So könnte am Ende die bittere, aber richtige Erkenntnis stehen, dass die Möglichkeiten des Staates äußerst begrenzt sind, den notleidenden Hausbesitzern eine rettende Hand zu reichen. Wie sagte doch ein Experte einer großen Investmentbank an der Wall Street: „An einer Marktbereinigung führt langfristig kein Weg vorbei.“

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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