Finanzkrise
Riskanter Eingriff

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Mit der staatlichen Rettung der Investmentbank Bear Stearns hat die Finanzkrise einen neuen Höhepunkt erreicht. Es ist das erste Mal seit der Weltwirtschaftskrise vor fast 80 Jahren, dass die amerikanische Notenbank in dieser Weise einem Brokerhaus zu Hilfe eilt. Schon absehbar ist, dass dies nicht der letzte Feuerwehreinsatz des Staates gewesen sein wird.

Will die Politik verhindern, dass Wirtschaft und Finanzsystem in der Kreditklemme zermahlen werden, müssen Regierungen und Notenbanken die Abwärtsspirale des Misstrauens stoppen. Das geht nur auf zwei Wegen: Entweder erhalten die Banken eine ausreichende Kapitaldeckung durch den Staat, um den Sturm zu überstehen. Oder die Notenbanken übernehmen einen Teil der Risikopapiere, die jetzt die Bankbilanzen belasten, in die eigenen Bücher. Weit entfernt sind wir davon nicht mehr, nachdem die Fed ihre Liquiditätsspritze von 200 Milliarden Dollar mit Kreditderivaten aus dem Hypothekenmarkt hat absichern lassen.

Theoretisch könnten auch ausländische Staatsfonds noch einmal einspringen, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen. An Geld mangelt es ihnen zwar nicht, wohl aber an der Bereitschaft, die unkalkulierbaren Risiken zu schultern. Selbst im Politbüro in Peking rechnet man heute mit spitzem Bleistift die Renditen aus. Eine Marktlösung wäre aber auch das nicht. Wenn schon der Staat einspringen muss, dann doch lieber der eigene, heißt es zu Recht an der Wall Street. Zumal eine Beteiligung ausländischer Staatsfonds an zentralen Finanzinstitutionen des Westens über das bisher erreichte Maß hinaus politisch kaum durchsetzbar erscheint.

Ein derart massive Staatseingriff hätte jedoch weitreichende Konsequenzen. So wie die Weltwirtschaftskrise zum Glass-Steagall-Act und zur langjährigen Trennung der Investment- und Geschäftsbanken geführt hat, so wird auch diese Krise nicht nur zum Einsatz von Steuergeldern, sondern auch zu neuen Eingriffen des Staates in den Finanzmarkt führen. Umso wichtiger ist es deshalb, dass die notwendigen Reformen die erkennbaren Marktschwächen korrigieren, ohne dabei die lebenswichtige Funktion der internationalen Finanzmärkte zu zerstören.

Handlungsbedarf besteht vor allem auf drei Gebieten. Die finanziellen Anreizsysteme für die Banker müssen so umgestaltet werden, dass ihre Entlohnung vom langfristigen Erfolg ihrer Geschäftsstrategien abhängt. Das Risikomanagement der Banken muss deutlich verbessert werden. Eine Ergänzung der Basel-II-Vorschriften im Lichte der Krisenerfahrungen ist unumgänglich. Die Selbstheilungskräfte des Marktes müssen gestärkt werden. Ratingagenturen müssen unabhängig sein, ihre Bewertung von Kreditrisiken muss transparenter werden. Aber auch wer künftig Risikopapiere verbrieft und weiterverkauft, darf sich später nicht einfach aus der Verantwortung stehlen.

Ohne Risiko ist der Staatseingriff jedoch nicht. Die Gefahr ist groß, dass Investoren die staatliche Stützung als Einladung verstehen, ihrer Risikofreude bald wieder freien Lauf zu lassen. So hat die staatliche Rettung der US-Bausparkassen Ende der 80er-Jahre zu der Sorglosigkeit auf dem Immobilienmarkt beigetragen. Dieses Risiko müssen wir jedoch eingehen, wenn wir einen Crash des internationalen Finanzsystems verhindern wollen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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