Finanzkrise
Wall-Street-Rätsel

Wenn die akute Finanzkrise einmal vorüber ist, wird die doppelte Rettung der amerikanischen Investmentbank Bear Stearns als historische Wendemarke in die Geschichtsbücher eingehen. Um die richtige Lesart dieses Ereignisses wird allerdings noch gerungen.
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War es der Tag, an dem die US-Notenbank das Finanzsystem vor dem Zusammenbruch rettete? Oder war es der Tag, an dem die Fed ihre marktwirtschaftliche Unschuld verlor? Hat JP-Morgan-Chef Jamie Dimon mit dem Kauf von Bear Stearns den Deal seines Lebens gemacht, oder wird die Transaktion zu einem Bumerang für die Großbank? Zahlt Bear Stearns die Zeche für eigene Versäumnisse, oder werden die Mitarbeiter auf dem Altar des Finanzsystems geopfert?

Aufgeworfen hat diese Fragen bereits das erste Abkommen über die Rettung des Wall-Street-Hauses. Die jetzt revidierte Fassung macht die Verwirrung vollends komplett. Zwar beharren die Notenbanker in New York und Washington immer noch darauf, dass ihnen gar keine andere Wahl blieb. Bear Stearns war als fünftgrößte Investmentbank zwar nicht zu groß, um in Konkurs zu gehen. Wohl aber war das Brokerhaus zu stark mit dem Finanzsystem verwoben. Eine Pleite, so das Argument, hätte eine Kettenreaktion ausgelöst und das Kartenhaus der Wall Street zum Einsturz gebracht. Man habe nicht die Bank und ihre Aktionäre gerettet, sondern das Weltfinanzsystem.

Dieses Argument hat jedoch durch die Revision des Abkommens an Überzeugungskraft verloren. Zunächst sollten die Anteilseigner von Bear nur zwei Dollar je Aktie bekommen, jetzt sind es bereits zehn Dollar. Und an der Börse wird noch immer über eine weitere Aufstockung spekuliert. Zwar ist der Verlust für die Investoren immer noch schmerzhaft, notierte die Bear-Aktie vor dem Eingriff doch noch mit 30 Dollar. Unter dem Strich bleibt aber der fatale Eindruck, die Fed habe aus Sorge um das große Ganze ihre marktwirtschaftlichen Prinzipien über Bord geworfen. Der nächste Bittsteller kommt bestimmt, und die Notenbank kann ihn kaum noch zurückweisen.

Rätselhaft bleibt auch, warum die Fed erst in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ein Brokerhaus rettet und am nächsten Morgen ihr Diskontfenster für alle Investmentbanken öffnet. Hätte Bear Stearns in den dramatischen Schicksalsstunden von der neuen Liquiditätsquelle gewusst oder bereits davon profitieren können, der Staatsakt an der Wall Street wäre uns vermutlich erspart geblieben.

Dass die jetzt revidierte Transaktion gegen alle Gepflogenheiten durchgepeitscht werden soll, hinterlässt ebenfalls einen bitteren Nachgeschmack. JP Morgan und die Fed begründen das ungewöhnliche Vorgehen damit, dass für Bear Stearns Gefahr im Verzuge gewesen sei. Demnach war entweder die erste Rettungsaktion erfolglos, oder aber hier wird ein Vorwand gesucht, um die Mitbestimmungsrechte der Aktionäre einzuschränken.

Ungemach droht jedoch nicht nur von den Bear-Stearns-Aktionären, die auch mit einem Preis von zehn Dollar pro Anteil immer noch nicht zufrieden sind. Zwei Pensionsfonds haben bereits eine einstweilige Verfügung gegen die Transaktion beantragt. Auch die Anteilseigner von JP Morgan sollten sich fragen, warum Jamie Dimon als ihr Interessenvertreter den Kaufpreis über Nacht verfünffacht. Zwar hat sich die Großbank das attraktive Hauptquartier von Bear zu einem Spottpreis gesichert. Ob es Dimon jedoch gelingt, Talente und Kunden der neuen Tochter bei der Stange zu halten, ist keineswegs sicher. Mit den sechs Milliarden Dollar, die JP Morgan zurückgelegt hat, wird die Bank wohl nicht auskommen.

Trotz der vielen Ungereimtheiten ist die Wall Street mit dem staatlichen Feuerwehreinsatz zufrieden. Mit Bear Stearns wurde ein ohnehin schwacher und unliebsamer Konkurrent geopfert. Im Gegenzug steht die Finanzmeile jetzt unter dem Schutz der Notenbank.

Dass die Brokerhäuser sich damit zugleich auf eine weitaus schärfere Finanzaufsicht gefasst machen müssen, ist ihnen noch gar nicht bewusst. Fed-Vertreter lassen jedoch keinen Zweifel daran, dass sie die Branche nach der Rettung an die kurze Regulierungsleine nehmen werden. Zufrieden können die Notenbanker dennoch nicht sein. Erledigen sie im Moment doch den Job des Finanzministers. Wenn man schon politisch die Entscheidung trifft, dass die Finanzkrise ohne staatliche Hilfe nicht zu bewältigen ist, dann sollte man die Notenbank nicht mit dieser politischen Aufgabe überfordern.

Letztlich wird der Steuerzahler für einen Teil der angehäuften Verluste geradestehen müssen. Es wäre deshalb effizienter und ehrlicher, wenn das Geld direkt aus der Staatskasse und nicht aus dem Tresor der Notenbank kommen würde.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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