Finanzkrise
Wenige, klare Regeln

  • 0

Wenn die Finanzminister und Notenbankchefs der führenden sieben Industrienationen am Wochenende in Washington über die Lehren aus der Finanzkrise beraten, können sie sich über einen Mangel an guten Ratschlägen nicht beklagen. Mehr als 100 Empfehlungen haben Banker, Politiker und Finanzaufseher in den vergangenen Tagen präsentiert, um das Weltfinanzsystem krisenfest zu machen. Wer jedoch glaubt, künftige Finanzkrisen mit einer Flut von neuen Regeln verhindern zu können, schürt nicht nur eine gefährliche Illusion. Die Folgekosten einer Überregulierung könnten die guten Absichten zudem schnell ad absurdum führen.

Die Aufgabe der G7-Runde ist es, zunächst das akute Krisenmanagement zu koordinieren und sich dann auf wenige Leitgedanken für eine stabilere Finanzarchitektur zu einigen.

Bei der Bekämpfung der akuten Krise geht es vor allem darum, die Arbeitsteilung zwischen Notenbanken und Finanzpolitik zu verbessern. Die Zentralbanker sollten sich darauf konzentrieren, das Finanzsystem mit ausreichender Liquidität zu versorgen. Die Rettung von Banken und Investoren ist nicht ihre Aufgabe. Kommt die Politik nach reiflicher Abwägung zu dem Ergebnis, dass sich die Finanzkrise ohne staatliche Hilfe nicht mehr lösen lässt, muss die Regierung direkt einspringen.

Diesen Punkt haben wir erreicht. Es geht nicht mehr um eine optimale Lösung, sondern nur noch um das geringere Übel. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir alle Verluste sozialisieren müssen. Der Staat kann mit Krediten und Kapitalhilfen für Hypothekenschuldner und Banken in die Bresche springen und sich den Einsatz von Steuergeldern so weit wie möglich mit Zinsen bezahlen lassen.

Die neue Finanzarchitektur braucht für eine stabilere Statik nicht Hunderte von staatlichen Krücken. Wichtig sind einige Grundpfeiler, die das Vertrauen in das System stützen und für Finanzinnovationen genug Raum lassen. Dazu gehört zunächst das Prinzip, dass Kreditrisiken grundsätzlich mit Kapital unterlegt werden müssen. Unabhängig davon, ob die Gefahren innerhalb oder außerhalb der Bilanzen, bei Hedge-Fonds oder Bausparkassen lauern. Kein Finanzinstitut darf sich die Risiken dadurch ganz vom Hals schaffen, dass es sie in Derivate verpackt und weiterverkauft. Wer strukturierte Finanzprodukte kreiert und weiterreicht, muss einen Teil der damit verbundenen Risiken in den eigenen Büchern behalten.

Außerdem müssen die Anreizsysteme der Finanzprofis dringend korrigiert werden. Wer riskante Wetten eingeht, wird heute oft fürstlich belohnt. Stellt sich die Spekulation später als Missgriff heraus, sind die Boni ausgezahlt. Die Dummen sind zunächst die Aktionäre: Sie zahlen erst überhöhte Gehälter und tragen später die Verluste. Wird der Irrsinn jedoch zur Methode, gerät das ganze Finanzsystem ins Wanken. Die Bezahlung der Banker muss deshalb an den langfristigen Erfolg ihrer Arbeit gekoppelt werden. Ein Prinzip, das übrigens in vielen anderen Branchen längst praktiziert wird.

Ob diese Korrekturen staatlich verordnet werden oder die Finanzbranche sie freiwillig einführt, ist zweitrangig. Den Bankern sollte jedoch klar sein, dass sie schnell handeln müssen. Auf eine Schonfrist können sie nach den Erfahrungen der Krise nicht mehr hoffen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

Kommentare zu " Finanzkrise: Wenige, klare Regeln"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%