Finanzmärkte
Das Rettende wächst auch

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Die Angst geht um am Kapitalmarkt – die Angst vor der großen, alles verschlingenden Krise. Die deutlichsten Worte fand bislang Sam Molinaro, der Finanzchef der selbst von heftigen Turbulenzen gebeutelten US-Investmentbank Bear Stearns. Die Verwerfungen an den Kreditmärkten könnten nach seiner Meinung schlimmere Folgen haben als der Einbruch an den Aktienmärkten in den 80er-Jahren, die Krise an den Anleihemärkten in den 90er-Jahren oder das Platzen der Internetblase 2001.Die Anleger sollten es allerdings weniger mit Molinaro als vielmehr mit dem deutschen Dichter Hölderlin halten, der wusste: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“

Auf den ersten Blick haben die Schwarzseher alle guten Argumente auf ihrer Seite. Ihre Logik: Eine Krise an einem vermeintlich überschaubaren Markt wie dem Geschäft mit riskanten US-Hypotheken steckt plötzlich Kredit- und Anleihemärkte weltweit an, auch die Aktienbörsen sind längst in den Abwärtssog geraten. Hedge-Fonds rutschen reihenweise in die Pleite. Beteiligungsgesellschaften bekommen das Geld für ihre teuren Übernahmen nicht mehr zusammen. Die Folge: Nichts geht mehr. Doch es muss bei weitem nicht so schlimm kommen. Zunächst bleibt festzuhalten, dass die Märkte die Korrektur dringend nötig hatten, um wenigstens die schlimmsten Übertreibungen zu beseitigen. Jahrelang haben die Banken zu viel Geld zu leichtfertig verliehen. Es wird höchste Zeit, dass sie ihre Kreditstandards verschärfen.

Jetzt geht die Angst um, dass sie den Geldhahn ganz zudrehen und damit das Wachstum der Unternehmen abwürgen. Aber diese Furcht ist übertrieben. Die Bilanzen der meisten Industriekonzerne sind nach fünf Jahren, in denen sie massiv Schulden abgebaut und gleichzeitig gut verdient haben, kerngesund. Diese Unternehmen werden auch weiterhin Kredite bekommen, wenn sie sie brauchen. Auch die Bilanzen der Banken selbst sehen robust aus. Trotz der Verwerfungen an den Märkten steuern viele große Geldhäuser in diesem Jahr noch immer auf Rekordkurs. Wenn die Institute je für einen Test ihrer Stabilität gerüstet waren, dann jetzt.

Zu den Opfern einer Kreditkrise zählen fast schon traditionell die Emerging Markets. Aber auch diese aufstrebenden Ökonomien sind, von einigen Ausnahmen abgesehen, deutlich besser gegen Schocks gewappnet als noch in den 90er-Jahren. Viele Staaten haben den Boom genutzt, um sich ein beruhigendes Polster an Devisenreserven zusammenzusparen. Es gibt also durchaus auch gute Nachrichten in diesen finsteren Zeiten.

Natürlich kann an den Märkten noch immer eine Menge schiefgehen. Die Investoren sind sehr nervös. Wenn das zunimmt, kann es sich zu einem unwiderstehlichen Sog entwickeln. Natürlich werden in den kommenden Wochen weitere Hedge-Fonds kollabieren, natürlich werden weitere Banken hässliche Überraschungen in ihren Bilanzen entdecken, und natürlich wird das Leben für die Private-Equity-Investoren auf Dauer deutlich schwieriger. Aber insgesamt stehen die Chancen nicht schlecht, dass die Märkte robuster, gesünder und widerstandsfähiger aus der aktuellen Krise hervorgehen.

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