Finanzmärkte
Endlich aufgewacht

Die USA stehen nicht gerade in dem Ruf, sich nach den Gepflogenheiten anderer Länder zu richten.

Umso erfreulicher ist es, dass die Amerikaner jetzt innehalten und ihre Finanzaufsicht nach dem Vorbild der Briten reformieren wollen. Ganz freiwillig ist die Einsicht nicht. Erst nachdem viele Börsenaspiranten New York den Rücken gekehrt haben, regt sich in den USA der Reformeifer.Die jetzt von einer hochrangigen Expertenkommission vorgelegten Empfehlungen gehen in die richtige Richtung. In dem Bestreben, die Investoren vor einem Skandal à la Enron zu bewahren, sind die US-Behörden über das Ziel hinausgeschossen. Die Absicht des umstrittenen Sarbanes-Oxley-Gesetzes (SOX) bleibt ehrenhaft, die Umsetzung ist eine Katastrophe. Es wird deshalb höchste Zeit, Kosten und Nutzen der Bilanzierungsregeln wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Dazu bedarf es vor allem einer neuen Denkweise in den Behörden. Mehr ökonomischer Sachverstand ist gefragt. Es ist doch grotesk, dass bei der US-Börsenaufsicht fast 1400 Anwälte arbeiten, aber nur 27 Ökonomen.

Während die SOX-Reform weitgehend unstrittig ist, bleiben die hohen Klagerisiken in den USA ein Dauerthema. Die exzessiven Kontrollen der Wirtschaftsprüfer in den Unternehmen sind ein Ausdruck der Angst, von Investoren oder Staatsanwälten vor den Kadi gezogen zu werden. Solange sich jedoch die Buchprüfer immer wieder zu Komplizen des Managements machen und neue Bilanzskandale auftauchen, wird es kaum eine politische Mehrheit für eine Haftungsbeschränkung geben. Unterm Strich bleibt jedoch die berechtigte Hoffnung, dass die USA die Übertreibungen ihrer Aufsichtsbehörden selbst korrigieren. Dafür dürfte schon der Wettbewerb mit den anderen Finanzzentren sorgen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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