Finanzmärkte: Heilsamer Schock

Finanzmärkte
Heilsamer Schock

Die Versuchung ist groß, das Kursbeben an den Finanzmärkten als Folge des „China-Syndroms“ abzutun. Die spekulativen Exzesse im aufstrebenden Reich der Mitte sind offensichtlich. Dennoch macht man es sich damit allzu leicht.

Tatsächlich hat das weltweite Beben an den Börsen gezeigt, wie sorglos sich viele Investoren in den vergangenen Jahren in risikoreiche Anlageformen gestürzt haben. Nirgendwo wird das deutlicher als in Amerika, wo Wirtschaft und Finanzmärkte jahrelang auf Pump nahezu ungezügelt florieren konnten. Die Gefahr für die Weltwirtschaft rührt deshalb nicht so sehr von einer kalten Dusche aus China. Die Rückkehr des Risikos könnte vielmehr in den USA zu einem bösen Erwachen führen.

Amerikas Wirtschaft hat sich in den vergangenen fünf Jahren als außerordentlich widerstandsfähig erwiesen. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 wurden ebenso weggesteckt wie die enormen Defizite im Haushalt und in der Handelsbilanz, der Irak-Krieg oder der rasante Anstieg der Ölpreise. Dass dieses Kunststück gelungen ist, hat nicht nur mit amerikanischen Tugenden wie Innovationskraft, Flexibilität und Dynamik zu tun. Der Boom basiert zum großen Teil auf dem Versprechen einer schier unendlichen Liquidität.Gespeist wurde die Geldschwemme nicht nur von der lange Zeit lockeren Geldpolitik der US-Notenbank. Weltweit geringe Inflationsraten und ein Überangebot von Ersparnissen aus Asien und den reichen Ölländern des Mittleren Ostens haben dazu geführt, dass die Risikoaufschläge auf den Finanzmärkten in historische Tiefen gefallen sind.

Die Auswüchse sind überall sichtbar. Amerikanische Verbraucher können die Wirtschaft bis heute mit Kreditkarten auf Touren halten. Hausbesitzer konnten sich mit günstigen Refinanzierungen reich rechnen. Die US-Regierung konnte ihren Feldzug im Irak günstig mit dem Geld asiatischer Sparer bezahlen. Finanzinvestoren konnten ihre Milliardenübernahmen problemlos auf Pump finanzieren. All das war nur möglich, weil das Risiko fast gänzlich aus den Köpfen der Investoren verschwunden war. Wer ermessen will, was die Rückkehr des Risikos bedeuten könnte, muss die gleiche Liste nur mit umgekehrten Vorzeichen lesen. Der Anstieg der Zinsen in den USA wird über kurz oder lang den privaten Konsum und damit das Wachstum der Wirtschaft dämpfen. Im letzten Quartal 2006 ist das Bruttoinlandsprodukt nur noch um 2,2 Prozent gestiegen. Damit bleibt die US-Wirtschaft deutlich unter ihren Möglichkeiten.

Gravierender ist die Korrektur auf dem Immobiliensektor. Die vermehrten Zahlungsausfälle bei Kunden mit geringer Bonität haben die Investoren nervös gemacht und viele Banken dazu veranlasst, ihre Konditionen für Hypothekenkredite zu verschärfen. Der staatliche Finanzdienstleister Freddie Mac will künftig keine riskanten Darlehen mehr aufkaufen. Sollte dieser Trend auch auf die anderen Teile des Hypothekenmarktes überschwappen, dürfte das nicht nur auf den Finanzmärkten für weitere Unruhe sorgen. Auch die reale Wirtschaft wird die Kreditklemme zu spüren bekommen, wenn Hausbesitzer auf Grund der steigenden Kreditlasten ihren Konsum zurückschrauben müssen. Die Hoffnung der Notenbank, dass das Schlimmste auf dem Häusermarkt bereits vorüber sei, könnte sich als trügerisch erweisen.

Auch die US-Regierung kann nicht mehr darauf bauen, dass die Notenbanken Asiens weiterhin blindlings ihre Währungsreserven in amerikanischen Staatsanleihen anlegen. Je offensichtlicher es wird, auf welch wackligen Füßen der Boom in den USA steht, desto größer wird der Drang, das Risiko durch Anlagen in andere Währungsräume zu streuen. Die Rückkehr des Risikos könnte auch die Goldgräberstimmung unter den privaten Finanzinvestoren beenden. Der letzte Megadeal der Branche zeigt das. Die 45 Milliarden Dollar teure Übernahme des US-Energieversorgers TXU wurde zu drei Vierteln auf Pump finanziert. Zudem haben die Private-Equity-Gesellschaften weitere 13 Milliarden Dollar Schulden übernommen. Wie die meisten anderen Buy-outs rechnet sich dieser Deal nur, wenn das Unternehmen nicht in Schwierigkeiten gerät. Angesichts der unsicheren Konjunkturlage ist das eine riskante Wette. Hinzu kommt, dass es den privaten Firmenjägern in Zukunft schwerer fallen dürfte, ihre Übernahmen so günstig wie bisher zu finanzieren. Haben sich doch die Konditionen auf den Kreditmärkten über Nacht deutlich verschlechtert. Die US-Börsen haben gestern freundlich eröffnet. Der Schreck des Vortages sitzt den Investoren jedoch noch in den Gliedern. Hoffen wir, dass es ein heilsamer Schock war und die Anleger die Risiken wieder wahrnehmen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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