Finanzmärkte
Kommentar: Vorboten der Krise

Wir leben in der besten aller Welten – zumindest galt das bis vorgestern für die Weltfinanzmärkte. Doch der gestrige Kurseinbruch, der seinen Anfang an der Börse Schanghai nahm und dann um den Globus schwappte, ehe er am Abend mit einem Minus von zeitweise 500 Punkten im Dow-Jones-Index die Wall Street erreichte, spricht eine andere Sprache. Er könnte der Vorbote einer fundamentalen Neubewertung der Risiken an den Märkten sein und das Ende der großen Sorglosigkeit einläuten.

Bislang dümpeln so gut wie alle Kennzahlen, mit denen die Profis die Angst der Investoren vor einem Absturz messen, auf historischen Tiefständen vor sich hin. Noch nie waren die Anleger so risikofreudig wie heute, und noch nie forderten sie so geringe Gefahrenzulagen für riskante Anlagen wie etwa bei Anleihen aus den Emerging Markets oder Bonds von Unternehmen mit schwacher Bonität.

Die Frage ist, warum die Anleger so entspannt sind. Ist die Welt tatsächlich so viel sicherer geworden, oder ist das heikle Gleichgewicht zwischen Angst und Gier an den Finanzmärkten gefährlich aus der Balance geraten? Es gibt einige Argumente, die helfen können, den Optimismus der Investoren zu erklären. Die Weltwirtschaft befindet sich in einer Phase des stabilen Wachstums, hoher Unternehmensgewinne und historisch niedriger Zinsen. Doch der Zyklus ist bereits weit fortgeschritten, und die Gefahren wachsen.

Tatsächlich ist die ökonomische und politische Welt in den vergangenen Monaten gefährlicher geworden. Egal ob Terrorismus, ökologische Katastrophen, eine Krise in den Emerging Markets oder ein Absturz des Dollars, die Welt ist nach wie vor kein besonders gemütlicher Platz. Es scheint nur eine Erklärung zu geben, die das Paradox zwischen dem Verhalten der Investoren und den realen Gefahren auflösen könnte: Die Märkte haben völlig neue Mittel und Wege entwickelt, um Risiken aufzufangen und zu kontrollieren: mit Finanzderivaten.

Diese Finanzvehikel sind mittlerweile ein Billionen-Markt, der sich seit dem Jahr 2000 vervierfacht hat. Derivate und strukturierte Finanzierungen helfen Investoren und Unternehmen, Risiken breiter zu verteilen. Mit ihnen können sie sich gegen Kreditausfälle, Hurrikanrisiken und fast jedes weitere Risiko versichern. Anleger, die diese Gefahren übernehmen, finden sich dank der Liquiditätswelle reichlich.

Unzweifelhaft dürften die modernen Finanzinstrumente dazu beigetragen haben, dass die Märkte eine Reihe massiver Schocks wie die Terroranschläge vom 11. September 2001 vergleichsweise glimpflich überstanden haben. Aber muss es gleich ein Paradigmenwechsel sein?

Tatsächlich erhöhen sie auch die Ansteckungsgefahr von Krisen. Stürzt der Immobilienmarkt ab, leiden eben nicht nur die Banken, sondern auch Hedge-Fonds und all die anderen Investoren, die in die entsprechenden Derivate investiert haben.

Einen Vorgeschmack darauf, wie gefährlich die Welt wirklich ist, bekamen die Anleger im vergangenen Mai und Juni, als die Angst vor Inflation und einer rapiden Abkühlung der Weltkonjunktur die Gier plötzlich in Angst umschlagen ließ. Damals hatte ein Gier/Angst-Index, den die Dresdner Bank entwickelt hat, kurz zuvor einen Rekordhoch erreicht – genau wie jetzt wieder.

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