Finanzmärkte
Rationale Blasen

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Wenn an den Finanzmärkten Blasen platzen, haben Theoretiker Konjunktur, die immer schon davor gewarnt haben. Zum Beispiel Hyman Minsky, der die These vertreten hat, dass Finanzmärkte sich grundsätzlich aufblasen und dann platzen müssen. Experimentelle Forscher wie der Ökonom Bernard Ruffieux haben diese These belegt. Sie ließen Studenten mit Computermodellen die Finanzmärkte nachspielen. Das Ergebnis: Es ergab sich ein Muster mit steigenden Kursen und anschließendem Einbruch – und wieder von vorne.

Immer, wenn Blasen platzen, wie jetzt auf dem US-Immobilienmarkt und weltweit auf den Kreditmärkten, ist auch die Rede von Überschwang, Gier und irrationalem Verhalten. Der Markt, so unterstellt diese Sichtweise, ist eigentlich eine ganz rationale Angelegenheit. Nur die Leute, die am Markt handeln, sind leider so irrational.

Wer das Problem näher untersucht, kommt aber zum gegenteiligen Ergebnis: Der Marktmechanismus selbst schafft die Blasen, die Teilnehmer verhalten sich dagegen ziemlich rational. Dabei ist ein Punkt ausschlaggebend, der Finanzmärkte von normalen Gütermärkten oder zum Beispiel auch dem Arbeitsmarkt unterscheidet: Hier ist die Rolle von Anbietern und Nachfragern nicht sauber getrennt. Sondern alle Teilnehmer wechseln ständig die Seiten – kaufen und verkaufen wieder. Die Computersimulationen zeigen, dass nur bei solchen Märkten der Blasenmechanismus einprogrammiert ist. Spielt man dagegen Gütermärkte nach, dann ergeben sich ganz ruhige, vernünftige Verläufe. So ist es ja auch im wirklichen Leben: Gütermärkte sind recht rational – es sei denn, sie werden zum Teil von ähnlichen Mechanismen wie die Finanzmärkte beherrscht, was etwa bei vielen Rohstoffen der Fall ist.

Der Unterschied zwischen ruhigen Gütermärkten und spekulativen Finanzmärkten ist simpel. Bei Gütermärkten will die eine Seite, die der Anbieter, möglichst hohe Preise. Die Nachfrager wollen möglichst niedrige Preise. Irgendwo in der Mitte treffen sich beide. Wichtig dabei: Der Verkäufer kann nicht zu weit herunter mit dem Preis, weil er seine Kosten decken muss. Der Käufer kann nicht zu weit hinauf, weil sonst seine eigenen Kosten zu hoch werden. Hier stimmt die These der Ökonomen, dass die Märkte im Zweifel alles schon richtig regeln.

Bei Finanzmärkten dagegen sind die Rollen nicht klar verteilt, und es gibt keine Kosten, die Grenzen setzen. Stattdessen lauert jeder Mitspieler: Was machen die anderen? Wer glaubt, dass die anderen immer mehr für bestimmte Wertpapiere bezahlen werden, ist bereit, selbst auch mehr dafür zu bezahlen. Weil er ja jederzeit die Seite wechseln und wieder verkaufen kann. Irgendwann werden die Papiere dann zu Preisen gehandelt, die niemand mehr für „gerechtfertigt“ hält – aber jeder verlässt sich darauf, dass die anderen vorerst auch noch mitspielen.

Dieses Verhalten ist keineswegs irrational. Unvernünftig wäre nur die Erwartung, dass es immer so weitergeht. Das erwartet ja auch kein Profi, es tun nur alle lange so, damit es möglichst lange weiterläuft. Spieltheoretiker beschäftigen sich gerne mit solchen Mechanismen, aber in der traditionellen Ökonomie hatten sie keinen Platz.

Daher rührt die Idee, dass Finanzmärkte „eigentlich“ rational funktionieren. Tatsache ist aber: Sie haben einen eingebauten Defekt. Deswegen sind manchmal Kapitalentscheidungen in Unternehmen rationaler als solche, die die Finanzmärkte nahelegen: Kurse sind kein untrüglicher Maßstab für Konzernlenker.

Die Marktteilnehmer müssen mit diesem Effekt leben. Und manche leben sehr gut damit. Eine Bank wie Goldman Sachs etwa verdient an allen Blasen kräftig mit – ganz rational – und hält es daher auch aus, wenn mal eine platzt. Bei der Deutschen Bank ist es ähnlich. Wer das Spiel nicht beherrscht, wird freilich über den Tisch gezogen.

Auch die Notenbanken müssen mit dem Defekt leben. Sie sollten rechtzeitig gegensteuern, wenn sich Blasen bilden. Das Problem ist bloß, dass Geldpolitik mit Verzögerung wirkt. In der Praxis kommen die Notenbanker daher oft zu spät. Aber generell bremst natürlich eine striktere Geldpolitik den Eigenmechanismus der Märkte. Ganz verschwinden wird er aber nie – auch wenn eines Tages alle völlig rational handeln.

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