Finanzmärkte
Tanz auf dem Vulkan

Finanzmärkte sind Indikatoren der Zukunft. Leider weisen sie nicht immer in die gleiche Richtung.

So rätseln die Experten im Moment darüber, warum der Börsenindex Dow Jones neue Rekorde bricht, während der Dollar historischen Tiefständen entgegensinkt. Sowohl der Aktienmarkt als auch die Währung eines Landes sollen in normalen Zeiten die Stärke einer Wirtschaft widerspiegeln. Für die USA scheint diese Regel außer Kraft gesetzt. Die Börsianer überbieten sich beim Kauf von Aktien. An den Devisenmärkten heißt es dagegen: „Raus aus dem Dollar.“

Wie passt das zusammen? Zu-nächst spiegeln sich in den gegenläufigen Markttrends unterschiedliche Auffassungen über den Zustand der US-Wirtschaft wider. Die Aktienhändler wetten darauf, dass die Wachstumsflaute in Amerika bald vorübergeht, die Unternehmen weiterhin hohe Gewinne einfahren und das Schlimmste auf dem krisengeschüttelten Immobilienmarkt bereits überstanden ist. Demgegenüber blicken die Devisenhändler auf das hohe Handelsdefizit der USA und den abnehmenden Zinsvorsprung zu Europa. Außerdem befürchten sie, das dicke Ende der Immobilienkrise stehe erst noch bevor.

Solche Unterschiede in den Auffassungen hat es an den Finanzmärkten immer wieder gegeben. Sie können jedoch nicht hinreichend erklären, warum Aktien- und Währungsmärkte im Moment derart stark auseinander treiben. Des Rätsels Lösung findet man auf dem Aktienmarkt, wo die Zeiten alles andere als normal sind. Eine der wichtigsten Triebkräfte für den Höhenflug an den Börsen ist das gegenwärtige Übernahmefieber. Und hier sind es vor allem die im Geld schwimmenden Private-Equity-Firmen, die nach Anlageobjekten suchen und so die Kursphantasie der Anleger beflügeln. Mehr als 180 Milliarden Dollar haben die Buy-out-Firmen 2007 bereits ausgegeben. Geht das in diesem Tempo weiter, werden es am Ende des Jahres mehr als 700 Milliarden Dollar sein. Auf dem Höhepunkt des Buy-out-Booms 1988 waren es gerade einmal 99 Milliarden Dollar.

Der gesamte Aktienmarkt scheint von einem Fieber befallen. Broker und Analysten empfehlen ihren Kunden Aktien von Unternehmen, die sie als Übernahmekandidaten der privaten Firmenjäger betrachten. Gerüchte reichen aus, um die Kurse von mittelmäßigen Firmen in absurde Höhen zu treiben. Nach der strategischen Ratio einer Transaktion wird kaum noch gefragt. Das Zauberwort „Buy-out“ reicht aus, um alle Vernunft über Bord zu werfen. Einen derart irrationalen Überschwang hat es zuletzt während der Dotcom-Hysterie der 90er-Jahre gegeben.

In einem solchen Klima werden Risiken schnell verdrängt. So erklärt sich auch, warum der Dow nur knapp zwei Monate nach seinem Beinahe-Crash am 27. Februar ein neues Allzeithoch erreichen konnte. Damals stürzte der Index innerhalb eines Tages um mehr als 400 Punkte ab und führte zur Flucht der Anleger aus riskanten Anlageformen. Der Warnschuss ist jedoch schnell verhallt. Die Risikoprämien auf den Finanzmärkten spiegeln bei weitem noch nicht die tatsächlichen Gefahren wider. Niemand kann heute sagen, wann die Private-Equity-Blase platzen wird. Die Euphorie kann vielleicht noch Jahre andauern. Sicher ist nur, dass eine Korrektur unausweichlich ist – und die Börsenparty dann böse enden wird.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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