Finanzmärkte
Unbehagen

Die fortschreitende Globalisierung und die Liberalisierung der Finanzmärkte haben die Welt grundlegend verändert. Doch niemand weiß so recht, wie man darauf reagieren soll.

Vordergründig scheint alles bestens. Die Weltwirtschaft wächst im sechsten Jahr in Folge. Die globalen Ungleichgewichte bauen sich allmählich ab. Die Notenbanken haben die Inflation überwiegend im Griff. Die internationalen Finanzmärkte durchleben eine ausgesprochen ruhige Phase. Die Finanzinstitute machen kontinuierlich hohe Gewinne, und vereinzelt auftretende beunruhigende Episoden an Teilmärkten werden fast problemlos weggesteckt. Nennenswerte Risiken sind schwer auszumachen. Aber der Schein trügt. Bei den internationalen Währungsbehörden, bei Banken und Finanzexperten macht sich Unbehagen breit. Sie müssen zur Kenntnis nehmen, dass die fortschreitende Globalisierung und die Liberalisierung der Finanzmärkte die Welt grundlegend verändert haben. Niemand weiß aber so recht, wie man darauf reagieren soll.

Die noch junge Abteilung „Geld- und Kapitalmärkte“ des Internationalen Währungsfonds (IWF) geht das Thema zumindest offensiv an. Für die Herbstausgabe ihres globalen Kapitalmarktberichts will der Fonds ergründen, ob und wie sich die globale Liquidität – in den letzten Jahren einer der potenziellen Gefahrenherde für die Finanzmärkte – verändert hat. Schon der Begriff ist schwammig. Traditionell versteht man unter Liquidität das Geld, das die Notenbanken dem Bankensystem zu einem bestimmten Zinssatz gegen Sicherheiten zur Verfügung stellen. Die neuen Finanzinstrumente ermöglichen es aber beispielsweise, die meisten Aktivposten in den Bilanzen zu verbriefen.Damit entfällt die früher übliche Unterscheidung in kurz-, mittel- und langfristig veräußerbare Vermögensgegenstände. Zumindest in der Wahrnehmung der Banken und Unternehmen ist dadurch ihre Liquidität gestiegen. Die Vermutung liegt nahe, dass gleichzeitig ihr Risikobewusstsein gesunken ist. Dafür spricht auch, dass auf der „Jagd nach Renditen“ Eigenmittel vielfach mit zinsgünstigen Krediten großzügigst – nicht selten im Verhältnis eins zu neun – aufgestockt worden sind.

Dem Test einer ernsthaften Krise waren die neuen Finanzinstrumente, die wie Pilze aus dem Boden geschossen sind, bisher noch nicht ausgesetzt. Sicher ist dagegen, dass es an Vorsorge fehlt: Die Risikoprämien, die potenzielle Zahlungsengpässe abdecken sollen, sind geschrumpft. Bricht eine Krise aus, können die ursprünglichen Bilanzwerte nicht mehr erzielt werden.Diese Gefahr hat die Spitze der internationalen Finanzindustrie gerade im Zusammenhang mit ihren „Prinzipien zum Management von Liquiditätsrisiken“ aufgezeigt. Bei komplexen Absicherungsgeschäften könnten im Krisenfall die besten Sicherheiten ein Institut nicht retten; eine Kettenreaktion würde ausgelöst. Diese Zeitbombe tickt noch am US-Immobilienmarkt. Auch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) warnt vor der aktuellen „Schön-Wetter-Liquidität“. Bei schlechtem Wetter könnte sie wie ein Kartenhaus zusammenfallen. Die Notenbanken weltweit tragen daran eine Mitschuld. Durch die jahrelange Ausweitung der Geldmenge haben sie diese Gefahr geschürt.

Weil sie zu viel Liquidität zulassen, steht die BIZ auch mit den geldpolitischen Konzepten der Notenbanken auf Kriegsfuß. Die Baseler Experten halten die übliche Ausrichtung der Zinspolitik an einer Periode von ein bis zwei Jahren für zu kurz. Das könne dazu führen, dass die Leitzinsen unter den erwarteten Renditen von Investitionen gehalten würden. Vorübergehend ließen sich dadurch die Ausgabenneigung und die Beschäftigung steigern. Ab einem bestimmten Zeitpunkt würden aber die Vermögenspreise ungebührlich angeheizt. Diese Dynamik kennzeichne viele Zusammenbrüche an den Finanzmärkten.

Die BIZ rät den Notenbanken, in ihre zinspolitischen Überlegungen Indikatoren für interne und externe finanzielle Ungleichgewichte einzubeziehen. Zudem sollten sie den Zeithorizont verlängern, über den sie die Preise stabil halten wollen. Das könne auch bedeuten, dass vorübergehend höhere Notenbankzinsen die Inflation unter die übliche Zielmarke drücken würden. Dies sei aber immer noch einer Anpassungskrise vorzuziehen, in der die Stabilitätsmarke länger und kräftiger unterschritten würde. Die „think tanks“ der globalen Finanzszene sind also von Selbstgefälligkeit weit entfernt. Der Papiergeldstandard bedeutet aber immer eine Gratwanderung. Das damit zwangsweise verbundene Liquiditätsproblem zu vernachlässigen, nur weil es schwer zu greifen ist, wie manche Wissenschaftler fordern, ist freilich nicht die Lösung. Da hält man es mit dem Phänomen besser so, wie der französische Denker Blaise Pascal mit dem lieben Gott: Da man nicht genau weiß, ob es ihn gibt, ist es besser, an ihn zu glauben, wenn man der sicheren Strafe entgehen will.

Marietta Kurm-Engels
Marietta Kurm-Engels
Handelsblatt / Redakteurin
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