Finanzmärkte
Versteckte Verluste

Wer heute eine Krise benennen soll, die das globale Finanzsystem erschüttert hat, muss schon ein gutes Gedächtnis haben.
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Da gab es den Fall des amerikanischen Hedge-Fonds Amaranth, der innerhalb einer Woche sechs Milliarden Dollar versenkte. Aber die Aufregung darüber war genauso schnell wieder verschwunden. Etwas länger halten sich die Sorgen über die Hypothekenkrise in den USA. Aber was ist bisher wirklich passiert?

Nicht viel, sieht man einmal von jenen einkommensschwachen Amerikanern ab, die sich finanziell übernommen und dadurch ihr Haus verloren haben. Mehr als 40 Baufinanzierer mussten aufgeben, einige Investoren haben sich mächtig erschrocken, und die beiden Großbanken HSBC und UBS haben etwas Lehrgeld gezahlt. Den Titel einer Finanzkrise rechtfertigt das noch nicht. Dass die Krise bislang mehr in den Köpfen als in den Bilanzen stattfindet, ist vor allem modernen Finanzprodukten wie Hypothekenanleihen (Mortgage Backed Securities) und Collateralized Debt Obligations (CDO) zu verdanken. Beide Instrumente dienen dazu, die Risiken im Hypothekengeschäft möglichst weit zu streuen. So verkaufen die Baufinanzierer die von ihnen ausgegebenen Hypotheken an große Wall-Street-Banken, die daraus nach Risikoklassen sortierte Anleihepakete schnüren und diese dann an Investoren in alle Welt weiter veräußern. Dieser Prozess wird mit den CDOs noch einmal multipliziert, indem Bonds von unterschiedlicher Güte und Risiken zu einem neuen Finanzprodukt zusammengeschnürt werden.

Die Verbriefung der Hypotheken sorgt dafür, dass die Risiken des Hypothekengeschäfts so schnell weitergereicht werden, dass sie oft in den Büchern der beteiligten Banken gar nicht erst auftauchen. Für die einen ist die moderne Finanzakrobatik ein Segen, ohne den einkommensschwache Familien niemals die Chance auf ein eigenes Heim hätten. Nur durch die Streuung der Risiken sei es möglich, so das Argument, diesen Kunden überhaupt ein Hypothekendarlehen anzubieten.

Für andere ist das Hypothekenkarussell jedoch zu einem Fluch der modernen Finanzwelt geworden. Es erzeugt in Zeiten niedriger Zinsen und hoher Liquidität die Illusion eines risikofreien Lebens auf Pump. Und zwar nicht nur für die Darlehnsnehmer, die ohne Anzahlung und Einkommensnachweise beträchtliche Summen aufnehmen konnten, sondern auch für die Käufer von Hypothekendarlehen und CDOs am Ende der Refinanzierungskette, die sich oft von hohen Renditen und schönen Marketingsprüchen der Banken blenden ließen. Meist wussten die Finanzprofis nämlich, wie leichtfertig die Darlehen vergeben wurden.

Etwa zwei Drittel aller neuen Hypotheken wurden in den vergangenen Jahren in den USA auf diese Weise quer durch das Finanzsystem weitergereicht. Erst durch die jüngsten Zahlungsausfälle bei Kunden mit geringer Bonität sind Finanzwächter und Politiker auf die Risiken aufmerksam geworden. Die Wall Street begegnet dem wachsenden Unbehagen bislang mit einem Schulterzucken. Die Sache sei im Griff, heißt es unisono bei Risikomanagern der Banken.

Das mag vielleicht für die Finanzhäuser selbst zutreffen, nicht jedoch für die Investoren, denen sie ihre smarten Produkte verkauft haben. Nach Berechnungen der Investmentbank Lehman Brothers sind noch Verluste von knapp 19 Milliarden Dollar aus dem US-Hypothekengeschäft im globalen Finanzsystem versteckt. Dabei handelt es sich bislang nur um gedachte Minuszeichen in den Büchern von institutionellen Anlegern wie Pensionsfonds und Versicherungen. Ausweisen müssen die Investoren diese Verluste erst, wenn sie die von ihnen gekauften Hypothekenanleihen und CDOs zu den heute deutlich niedrigeren Marktpreisen wieder verkaufen würden.

Allzu viel Mitleid muss man mit den Managern der großen Fonds nicht haben. Sie werden schließlich dafür bezahlt, dass sie ihre Investments sorgfältig unter die Lupe nehmen. Dennoch sollte man den beteiligten Banken ihre undurchsichtigen Finanztricks nicht durchgehen lassen. Völlig zu Recht fordern Experten in den USA, dass derjenige, der Hypothekendarlehen aufkauft, verbrieft und weiterreicht, auch für deren Qualität geradestehen sollte. Der US-Bundesstaat Georgia hat genau das zur Pflicht gemacht – und damit den Wildwuchs auf dem Hypothekenmarkt eingedämmt.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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