Finanzmarkt
Vertrauen gefasst

Das Schlimmste haben wir hinter uns, glauben Finanzmarktprofis. Die Experten sind davon überzeugt, dass die Branche in Deutschland einen Großteil der Krise bereits bewältigt habe und zuversichtlich in die Zukunft schauen könne. Mit ihrem Optimismus sind sie der Realwirtschaft ein Stück voraus.
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Glaubt man den vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung befragten Finanzmarktprofis, dann dürfte Deutschland einen Großteil der Krise bereits bewältigt haben. Erstmals seit fast zwei Jahren ist die Zahl der Optimisten wieder größer als die der Pessimisten.

Und gut möglich, dass sie recht haben – zumindest was die Finanzmärkte angeht. Weltweit haben die Börsen in den letzten Wochen eine fulminante Rally hingelegt, die Zinsen sind auf Rekordtief, viele Großbanken machen bereits wieder Gewinne, und die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwo eine Großbank pleitegeht, ist angesichts umfassender Staatsgarantien gleich null. Zudem wird überall nach Lösungen gesucht, um den Giftmüll aus den Bankbilanzen irgendwie den Steuerzahlern aufzubürden.

Ganz anders sieht es dagegen in der Realwirtschaft aus. Weltweit ist die Nachfrage nach Industriegütern zusammengebrochen. Ist der Auftragsbestand abgearbeitet, geht den Betrieben nach und nach die Arbeit aus. Im ersten Schritt wurden die Leiharbeiter vor die Tür gesetzt, jetzt folgt Kurzarbeit für die Stammbelegschaft. Wenn nicht bald neue Aufträge hereinkommen, werden Massenentlassungen kaum ausbleiben. Schlimmstenfalls könnte Deutschland zurück in die kollektive Depression fallen. Es droht ein neuer Teufelskreis aus Arbeitslosigkeit, Angstsparen, Firmenpleiten und Kreditklemme wie in der ersten Hälfte des Jahrzehnts.

Natürlich muss es nicht so weit kommen. Vielleicht fängt sich die Weltkonjunktur ja wieder, und Finanzkrise und Weltrezession sind schon im Herbst Geschichte. Ganz Deutschland fährt nagelneue Kleinwagen, an jeder Ecke wird gebaut und die marode Infrastruktur modernisiert. Die Börsen haben sich kräftig erholt, auch weil die Lokomotive der Weltkonjunktur, China, wieder unter Volldampf steht. Die deutsche Wirtschaft investiert wieder kräftig, auch dank großzügiger Abschreibungsvorschriften aus dem Konjunkturpaket. Kurz: Die Welt ist wieder so, wie sie vor einem Jahr war.

Schaut man sich derzeit die Stimmungsindikatoren an, gewinnt man den Eindruck, die Optimisten gewinnen die Oberhand. Das große Problem ist: Harte Fakten gibt es für diesen Optimismus nicht – leider.

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