Finanzmarktrisiken
Kommentar: Kettenreaktion nicht auszuschließen

Man musste schon genau hinhören, denn die Botschaft des Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) war eher versteckt. Im Klartext hat Jean-Claude Trichet die nächste Leitzinserhöhung im Euro-Raum auf dann vier Prozent für Juni angekündigt - es sei denn, der zur Zeit fast weltweit hellblaue Konjunkturhimmel würde sich unerwartet eintrüben. Danach sieht es zur Zeit zumindest vordergründig nicht aus.

Stutzig macht allerdings der Gleichklang in den günstigen Prognosen der verschiedensten Banken und Währungsbehörden. In der Vergangenheit war zu viel Übereinstimmung nicht selten der Vorbote von Ungemach. Das könnte dieses Mal von den Finanzmärkten ausgehen.

Niemand weiß genau, wie die Liberalisierung der Finanzmärkte in den vergangenen Jahren genau einzuschätzen ist. Unklar ist auch, wie sich die anhaltende Globalisierung im einzelnen ausgewirkt hat und noch auswirken wird. Sicher ist, dass sich unter der intakten Oberfläche enorme Unsicherheiten und Risiken aufgebaut haben. Dazu haben auch die Notenbanken, einschließlich der EZB, ihren Beitrag geleistet: durch das Übermaß an Liquidität, mit dem sie die Finanzmärkte überschwemmt haben. Würde nur eines der Finanzmarktrisiken aufbrechen, wäre eine Kettenreaktion nicht auszuschließen. Der Konjunktur-Frühling wäre schnell zu Ende.

Bemerkenswert ist, wie ungern die Verantwortlichen auf die schwelenden Risiken angesprochen sind. Dabei ließe sich möglicherweise manches abwenden, wenn etwa Banken und Finanzinstitute ein Bewußtsein für die neuen Risiken entwickeln und sie stärker einpreisen würden. Aber auch der EZB-Präsident ist heute Fragen nach der Finanzstabilität eher ausgewichen.

Marietta Kurm-Engels
Marietta Kurm-Engels
Handelsblatt / Redakteurin
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