Finanzplatz Deutschland
In der Zuschauerrolle

  • 0

Es ist faszinierend und erschreckend zugleich, wie sich zurzeit der Wettbewerb unter den Finanzzentren der Welt entwickelt. Im Zentrum stehen dabei wie zwei Boxer die Weltmarktführer London und New York. Heute führt die britische Hauptstadt nach Punkten. Die von der Überregulierung nach dem Enron-Skandal strangulierte US-Finanzindustrie muss einen Börsengang nach dem anderen an London abgeben und ist offensichtlich stinksauer auf den Kongress und die Regulierer von der SEC. Anders kann man sich nicht erklären, dass die SEC-Gewaltigen landauf, landab erklären, so sei der „Sarbanes-Oxley-Act“ nun doch nicht gemeint gewesen. Ganz offen begründen sie ihre Kehrtwende in der Umsetzung dieses Verbraucherschutzgesetzes damit, dass der heiligen Kuh Wall Street Milliardeneinnahmen verloren gehen würden. Mit anderen Worten: Die Marktführer befinden sich mitten in der Schlacht um die effizienteste Kapitalmarktregulierung.

Deutschland nimmt an diesem Spektakel weiterhin nur im Vorprogramm teil und sitzt beim Hauptkampf im Publikum. Der heimische Finanzplatz ist zu groß, um ganz ausgeschlossen zu werden. Aber auch zu unbeweglich, um im Titelkampf dabei zu sein. Es fehlt die Linie: Mal ist der „Nationale Champion“ das Maß aller Dinge, dann werden die Schrebergärten der Sparkassen gegossen. Mal soll die Aktienkultur gepflegt werden, mal konterkariert eine „gerechte“ Abgeltungsteuer diese Idee. Wichtige Gesetze kommen zu spät oder werden kastriert, wie bei Hedge-Fonds oder Reits. Dass es auch anders geht, sieht man im hier zu Lande einzigartigen Geschäft mit Zertifikaten. Im „Land der Erfinder“ sind also profitable Innovationen möglich, wenn man die Regulierung nicht übertreibt. Daran und am Pragmatismus in New York und London sollte man sich orientieren, sonst boxt Deutschland auf ewig in der zweiten Reihe.

Kommentare zu " Finanzplatz Deutschland: In der Zuschauerrolle"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%