Finanzwelt
Zeitenwende in New York

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New York gilt gemeinhin als Hauptstadt der Finanzwelt. Nirgendwo sonst gibt es eine ähnliche Dichte von Großbanken. Kein anderer Platz kann sich mit der Kompetenz der Wall Street messen. Hierhin pilgern immer noch Unternehmen aus aller Welt, um sich Kapital zu besorgen.

Wenn jetzt stolze Finanzhäuser wie Citigroup, Merrill Lynch und Morgan Stanley gezwungen sind, mit dem Klingelbeutel bei Staatsfonds im Mittleren Osten und in Asien um Finanzhilfen zu betteln, kann man durchaus von einer Zeitenwende sprechen. Die Machtverschiebung in der globalen Wirtschaft hat jetzt auch die Finanzwelt erreicht.

Dass es so weit kommen konnte, ist nicht allein dem wachsenden Reichtum der Ölscheichs und der asiatischen Schwellenländer zuzuschreiben. Die Wall Street selbst hat durch Arroganz, Gier und Inkompetenz entscheidend dazu beigetragen, dass sie nicht nur auf ausländische, sondern dazu auch noch auf staatliche Hilfen angewiesen ist. Die Hochburgen des Finanzkapitalismus am Tropf des Politbüros in Peking – das hätte sich Mao wohl nicht in seinen kühnsten Träumen erhofft.

Erst vor wenigen Wochen haben Citi, Merrill und Morgan in einer ersten Runde zusammen 16 Milliarden Dollar bei ausländischen Regierungen eingesammelt. Die Schweizer UBS besorgte sich zeitgleich fast zehn Milliarden Dollar in Singapur. Nur wenige Wochen später halten Citi und Merrill erneut die Hand auf. Mehr als 30 Milliarden Dollar müssen die beiden Banken zusätzlich abschreiben, wenn sie in den nächsten Tagen ihre Bilanzen vorlegen.

Grund dafür ist nicht nur die Tatsache, dass die Erblast der Subprime-Krise weitaus höher ausfällt, als die smarten Wall-Street-Banker erwartet haben. Dazu kommen neue Kreditrisiken, falls die US-Wirtschaft in eine Rezession rutscht. In diesem Falle müssen die Banken auch bei Kreditkarten, Autofinanzierungen und Firmendarlehen mit hohen Ausfällen rechnen. Die Hiobsbotschaft von American Express war der Vorbote der nächsten Kreditkrise.

So viel Geld haben die US-Banken seit der Weltwirtschaftskrise nicht mehr verloren. Um dem Sturm standhalten zu können, müssen sie nun ihre Kapitalbasis stärken. Dabei können sie nicht wählerisch sein. Das Kapital, das sie so dringend suchen, finden sie nicht in New York oder London, sondern in Peking oder Abu Dhabi. Die meisten Banker haben sich mit dieser neuen Wirklichkeit in der Finanzwelt längst abgefunden. Die Politiker müssen sich erst noch überwinden.

Zwar haben Regierung und Kongress in Washington die bisherigen Kapitalhilfen der Staatsfonds ohne großes Murren geschluckt. Auch weil die ausländischen Investoren peinlich darauf geachtet haben, mit ihren Beteiligungen unter dem politischen Radarschirm zu bleiben. Die neuen Hilfegesuche von Citi und Merrill stoßen jedoch auf Bedenken. US-Politiker fürchten, dass die undurchschaubaren Staatsfonds im Konzert zu einem unkalkulierbaren Machtfaktor im Finanzsystem werden könnten.

Der Grad zwischen Protektionismus und der berechtigten Forderung nach mehr Transparenz der Staatsfonds ist schmal. Wie auch immer die Güterabwägung ausfällt, sie muss den neuen Kräfteverhältnissen in der Finanzwelt Rechnung tragen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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