Firmenkredite
Gut bei Kasse

Zu den großen Missverständnissen in den Debatten um die Finanzkrise gehört die Annahme, Unternehmen seien zwingend auf Kredite als eine Art Lebenselixier angewiesen.

Die Rekapitalisierung des Bankensystems ist unter diesem Blickwinkel nicht zuletzt deshalb nötig, um die Kreditversorgung der Wirtschaft in Gang zu halten. Für weite Teile der Wirtschaft indessen trifft diese Sicht der Dinge bestenfalls die halbe Wahrheit. Richtig daran ist, dass viele Unternehmen in größerem Umfange Finanzschulden haben und erhebliche Probleme hätten, diese Verbindlichkeiten in kurzer Zeit zu tilgen. Aber davon, dass sie für Finanzierung und Ausbau ihres laufenden Geschäfts einen stetigen Strom an neuen, zusätzlichen Krediten benötigen, kann keine Rede sein. Im Gegenteil: Die große Mehrzahl aller Unternehmen verfügt über eine Finanzierungsquelle, die weitaus üppiger, attraktiver und letztlich wohl auch verlässlicher ist als das Bankensystem: ihr eigenes operatives Geschäft.

Die Abschlüsse der knapp zwei Dutzend Industrieunternehmen im Dax zum Beispiel geben darüber beredte Auskunft: Diese Konzerne haben im vergangenen Jahr fast 30 Milliarden Euro mehr Liquidität im laufenden Geschäft generiert, als sie für ihre Sachinvestitionen benötigten. Sie konnten mühelos ihre Anlagen ausbauen und gleichzeitig noch eine solide Dividende ausschütten, ohne zusätzliche Schulden machen zu müssen.

Diese Finanzkraft ist keineswegs ein Phänomen, das nur Großkonzerne auszeichnet. Sie ist offenbar auch bei den kleineren und mittleren Unternehmen anzutreffen. Zwar ist dort die Situation womöglich heterogener, und der Bundesverband deutscher Unternehmer (BDU) warnte jüngst vor negativen Folgen der Kreditklemme im Bankensektor. In der Summe dürften jedoch auch die kleineren Unternehmen kaum auf eine stetige Neuverschuldung angewiesen sein.

Laut Bundesbank verbuchten alle Unternehmen außerhalb des Finanzsektors im letzten Jahr zusammen einen Finanzierungsüberschuss von fast 50 Milliarden Euro, dies wohlgemerkt, obwohl die Bruttoanlage-Investitionen das höchste Niveau seit Beginn der 90er-Jahre erreichten. Das spricht dafür, dass der Kreditbedarf der Wirtschaft maßlos überschätzt wird. In der Summe hat die deutsche Industrie in den letzten Jahren ihre Nettoverschuldung reduziert und nicht erhöht. Und die Entwicklung wäre noch deutlicher ausgefallen, hätten Konzerne wie BASF, Bayer oder Continental auf große, kreditfinanzierte Übernahmen verzichtet.

In den meisten westlichen Industrieländern dürfte die Situation nicht viel anders sein. Die amerikanischen Industriekonzerne, die dem Börsenindex S&P-500 angehören, haben zum Beispiel für das letzte Geschäftsjahr einen freien Cash-Flow (nach Sachinvestitionen) von zusammen mehr als 500 Milliarden Dollar ausgewiesen. Diese Konzerne generierten im laufenden Geschäft eine halbe Billion Dollar mehr Liquidität, als sie für ihre Sachinvestitionen benötigten. Etwa ein Drittel davon zahlten sie als Dividende aus, der Rest floss in Aktienrückkäufe.

Solche positiven Finanzierungssalden sind für gesunde Unternehmen im Grunde der Normalfall und keineswegs die Ausnahme. Ein Geschäft, das über längere Zeit nicht genügend liquide Mittel erwirtschaftet, um die nötigen Sachinvestitionen und ein moderates Wachstum zu finanzieren, ist marode. Nicht zuletzt die viel gescholtene Shareholder-Value-Philosophie hat dieser Einsicht in den vergangenen beiden Jahrzehnten größere Beachtung verschafft. Im Bewusstsein, dass Kapitaleinsatz mit Kosten verbunden ist, steuern Unternehmen ihr Anlage- und Umlaufvermögen heute wesentlich effizienter als in der Vergangenheit.

Ganze Industriezweige, etwa die Pharmabranche, die Ölindustrie und Teile des Konsumgütersektors, arbeiten heute per saldo schuldenfrei und erwirtschaften üppige Überschüsse. Paradoxerweise haben der Aufstieg dieser cashpositiven Industrien und die generell verbesserte Innenfinanzierung des Unternehmenssektors womöglich zur Finanzkrise mit beigetragen. Denn aufgrund dieser Strategien bot das klassische Kreditgeschäft mit Unternehmen für die Finanzindustrie kaum noch Wachstumspotenzial.

Ein Dilemma der Bankenretter besteht nun darin, dass sie womöglich sehr viel Geld in eine Branche pumpen müssen, die in den letzten Jahren riskante und letztlich ineffiziente Finanzstrukturen gefördert hat. Sie laufen damit Gefahr, ein Kreditgeschäft zu reanimieren, das in erster Linie den Konsum und Firmenübernahmen finanziert. Um das operative Geschäft der Wirtschaft am Laufen zu halten, erscheint es jedenfalls kaum erforderlich, den Finanzsektor in seiner heutigen Größe am Leben zu erhalten.

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