Flick-Ausstellung und real existierender Neo-Nationalsozialismus
Deutscher Exorzismus

Manchmal kann man sich über dieses Land nur wundern: Da wird seit gut anderthalb Jahren eine hitzige Debatte darüber geführt, ob Friedrich Christian Flick seine Sammlung zeitgenössischer Kunst im Hamburger Bahnhof in Berlin ausstellen darf oder nicht. Sein Großvater verdankt einen großen Teil seines Vermögens der Ausbeutung von Zwangsarbeitern. Kann man daraus folgern, dass die Flick Collection mit „Blutgeld“ bezahlt wurde und nicht in einem Museum ausgestellt werden darf?

Oder muss man vielmehr zu dem Schluss kommen, die Vorwürfe gegen Flick bewiesen, dass Deutschland noch beträchtliche Probleme in der Vergangenheitsbewältigung habe, wie es seitens der Bundesregierung hieß?

Beides ist gleichermaßen abwegig. Es gibt keine Haftung über Generationen hinweg, allein die Pflicht, sich der Vergangenheit zu stellen. Nur in diesem Zusammenhang ist auch Kritik an Flick angebracht: Er hat die Ausstellung dezidiert als Teil eines „Rebranding Flick“ betrieben. Zum Ärger auch eines Teils der Familie, weil das ein allzu einfacher Versuch ist, durch Bilder eine neue Konnotation für den Namen Flick zu etablieren.

Die Debatte zeigt aber vor allem, dass wir uns in mancherlei Hinsicht eine hypertrophe Sensibilität leisten, uns delektieren an der Suche nach braunen Spurenelementen. Der Kunst- und Kulturbetrieb ist besonders empfänglich dafür, weil Debatten hier so wunderbar folgenlos bleiben und gleichzeitig jeder Beteiligte hoffen kann, preiswert ein wenig Aufmerksamkeit zu ergattern - siehe die Diskussion um Martin Walsers angeblich antisemitisches Werk „Tod eines Kritikers“.

Gleichzeitig aber sind wir dickhäutig und linkisch, was den wirklichen Rechtsradikalismus angeht. Nach dem real existierenden Sozialismus fasst der real existierende Neo-Nationalsozialismus im Osten Fuß. Das interessiert so lange niemanden, wie die Braunen nicht bei Wahlen sichtbar werden. Lassen sie sich wie in Sachsen und Brandenburg nicht mehr ignorieren, tritt der öffentlich-rechtliche Exorzismus in Kraft: Das Problem wird durch Mikrofonentzug für die braunen Vorbrüller im Wahlstudio gebannt. Damit ist das Problem entsorgt, wir können uns wieder sorgenvoll-genüsslich der Flick Collection widmen.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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