Formel 1
Analyse: Schumis Abgang

Wenn ich mich einer Herzoperation unterziehen müsste, dann würde ich den Schumacher der Herzchirurgie als Arzt wollen, denn auf einen wie ihn kann man sich verlassen.“ Es war Damon Hill, der diesen Vergleich prägte. Jener Brite, der Mitte der 90er-Jahre nach dem Tod des brasilianischen Formel-1-Weltmeisters Ayrton Senna der größte Konkurrent von Michael Schumacher auf den Rennstrecken in aller Welt war. Schumacher gewann in dieser Zeit seine ersten beiden Titel (1994 und 1995), Hill siegte ein Jahr später.

Damals genoss das große Rennfahrertalent Schumacher keinen besonderen Respekt. Die Erinnerung an den überragenden Formel-1-Piloten Senna – das große Vorbild des aufstrebenden Deutschen – war noch frisch. Der junge Kerpener galt als Heißsporn, und seinen ersten Weltmeister-Titel missgönnte ihm ein Teil der Rennsport-Gemeinde. Schlagzeilen wie „Schummel-Schumi“ machten die Runde, weil am Renault eine Bodenplatte zu stark abgeschliffen war und Schumacher angeblich mit einer verbotenen Traktionskontrolle gefahren war.

Doch ein Dutzend Jahre später verneigt sich fast die gesamte Rennsportwelt – und nicht nur sie – zu Recht respektvoll vor Michael Schumacher, der gestern erklärte, nach dem letzten Rennen der Saison seine Karriere zu beenden. Sieben Weltmeistertitel, 89 Grand-Prix-Siege und 152 Podiumsplätze: Heute steht Schumachers Name für einen der erfolgreichsten Athleten der Sportgeschichte.

Und nicht nur dafür. Denn Schumacher ist mehr als ein außergewöhnlicher Rennfahrer. Murray Walker, britische Kommentatorenlegende der BBC, drückte das einmal so aus: „Es ist die ganze Mischung seiner verschiedenen Talente, eine Kombination aus seinem fahrerischen Talent natürlich, seinem taktischen Scharfsinn und auch seiner Fähigkeit, ein Team zu führen. So kann er das Team motivieren und die Leute um sich herum mitziehen, wie das noch niemandem zuvor gelungen ist.“ Kein anderer Rennfahrer beherrschte Auto und Technik so wie Schumacher, nahm so großen Einfluss auf die Weiterentwicklung der Boliden. Schumacher war das größte Allroundtalent, eine Art Ich-AG der Formel 1: Er hatte alles zu bieten. Und er münzte seine Talente konsequent und ausgesprochen zielstrebig in Erfolge um.

Seine vielleicht beeindruckendste Leistung, die seine Talente verdeutlicht, ist die Wiederbelebung der Marke Ferrari. Schumacher wechselte 1996 von Benetton Renault zum italienischen Traditionsrennstall. Doch Ferrari hinkte technisch, organisatorisch und sportlich seit Jahren hinterher. Der letzte Titel eines Ferrari-Piloten datierte aus dem Jahr 1979 – der Südafrikaner Jody Scheckter hatte damals die Weltmeisterschaft gewonnen. Ferrari lag am Boden. Als Schumacher seinen Wechsel bekannt gab, titelte die Fachzeitschrift „Motorsport aktuell“: „Darf unser Schumi niemals wieder siegen?“

Doch er durfte. Vier Jahre später sicherte er sich den ersten Titel mit Ferrari. Der Beginn einer unheimlichen Serie: Bis 2004 gewann er fünf Mal in Folge die Fahrerwertung und wurde Weltmeister. Man muss Schumacher wegen seiner Leistungen nicht leiden mögen. Und so manche seiner heißblütigen oder ausgebufften Aktionen haben ihm Sympathien gekostet. Doch eines ist unbestritten: Schumacher ist das größte Zugpferd der Formel 1. Sein Abgang wird dem Rennzirkus schaden. Zumindest hier zu Lande wird das Interesse nachlassen – und Deutschland ist dank Schumacher der größte „Markt“ für die Formel-1-Bosse. Der Kerpener war für viele die Personalisierung des erfolgreichen Rennzirkus.

Auch aus Furcht vor nachlassendem Interesse an der Serie in der Post-Schumacher-Zeit versucht Formel-1-Boss Bernie Ecclestone seit einigen Jahren neue Märkte zu erschließen. Asien ist ein Lieblingskind von Ecclestone, doch erfolgreiche asiatische Fahrer sucht man vergeblich in den Startlisten. Es fehlt eine Identifikationsfigur.

Schumacher selbst braucht sich keine Sorgen um seine Zukunft zu machen, jedenfalls keine finanziellen. Mehrere hundert Millionen Euro hat er im Laufe seiner Karriere verdient. In dieser Zeit hat er auch gelernt, sein Privatleben weitgehend abzuschotten. Der Mensch Michael Schumacher ist kaum zu fassen und umgibt sich nur mit wenigen alten Freunden. Doch was auch immer er nach der Formel 1 anfangen wird – Michael Schumacher wird für außergewöhnlichen Erfolg, Ehrgeiz, Perfektionismus und Einzigartigkeit stehen. Deshalb wird es immer wieder Vergleiche geben wie den von Damon Hill. Ein ganz großer Sportler verlässt die Formel 1.

Grischa Brower-Rabinowitsch
Grischa Brower-Rabinowitsch
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