France Télécom
Zugzwang

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Lag der Fokus bislang auf Investitionen in Wachstumsmärkten, so ist nun der Startschuss für eine Konsolidierung innerhalb Europas gefallen. Nur vor diesem Hintergrund ergibt der Schachzug der Franzosen Sinn. Denn auf den ersten Blick erscheint der Plan seltsam: Die Märkte in Westeuropa sind gesättigt, die Preise auf Talfahrt. France Télécom würde sich im Norden dieselben Probleme hinzukaufen, mit denen sie bereits im eigenen Land kämpft. 34 Milliarden Euro schienen da sinnvoller in Schwellenländer investiert, wo zigtausend neue Kunden zu gewinnen sind.

Auch France-Télécom-Chef Didier Lombard hat in den vergangenen Monaten stets den Einstieg in Emerging Markets als seine Expansions-Strategie verkauft. Die britische Vodafone hat das vorgemacht und sich von Beteiligungen in Schweden, der Schweiz und Japan getrennt – und in der Türkei und Indien zugekauft.

Doch all das ist jetzt Geschwätz von gestern. Früher als von den meisten Experten erwartet ist der Fokus auf Konsolidierung gerichtet. Den Anfang hat die spanische Telefónica gemacht, als sie im vergangenen Herbst bei Telecom Italia einstieg und so den Fuß zur Komplettübernahme in die Tür setzte. Vor wenigen Wochen kündigte die Deutsche Telekom an, sich am griechischen Marktführer OTE zu beteiligen. France Télécom nennt diese Schritte hinter vorgehaltener Hand als Motiv für die eigenen Pläne.

Der Aktionismus folgt der simplen Logik, dass es besser ist, früh zuzuschlagen, als später nehmen zu müssen, was übrig ist, und dafür auch noch einen vom Übernahmereigen hochgepuschten Preis zu zahlen. Deshalb ist es für die Franzosen sinnvoll, sich in Nordeuropa umzusehen.

Und das, obwohl sie durch den Kauf kaum Synergien erzielen können: Beide Spieler sind nur auf einem einzigen Markt gemeinsam vertreten, in Spanien. Nur dort könnten sie durch das Zusammenlegen ihrer Angebote Kostenvorteile erzielen.

In Skandinavien bietet sich den Franzosen aber eine einzigartige Möglichkeit. Sie können gleich eine ganze Region erschließen und darüber erhebliche Kosten- und Größenvorteile realisieren. Neben Telia-Sonera kommt nämlich auch der norwegische Anbieter Telenor als Kauf in Frage, ebenso wie der dänische Anbieter TDC. Die Dänen befinden sich in den Händen von Private-Equity-Gesellschaften, die einen Ausstieg vorbereiten. Die Franzosen haben bereits eingeräumt, dass sie auch ein Auge auf Telenor geworfen haben. Würde es France Télécom gelingen, sich die Marktführer aller vier Nordländer – Finnland, Schweden, Dänemark und Norwegen – einzuverleiben, könnte sie erhebliche Synergien erzielen, etwa durch gemeinsame Planung und Wartung der Netze.

Die Deutsche Telekom käme durch einen solchen Schritt aus Paris ebenso wie alle anderen europäischen Wettbewerber unter Zugzwang. Zwar konkurrieren die Anbieter direkt immer nur auf den nationalen Märkten, in denen sie vertreten sind. Kommt es aber wirklich zu Elefantenhochzeiten, dann wird die schiere Größe zum Erfolgsfaktor. Es geht dann zum einen darum, so groß zu sein, dass man nicht von anderen Riesen geschluckt werden kann. Denn nichts hält einen Megakonzern wie zum Beispiel die amerikanische AT&T davon ab, in Europa auf Einkaufstour zu gehen.

Zum anderen sichern Zukäufe etablierter europäischer Konkurrenten die eigenen Fähigkeiten, auch bei der nächsten Konsolidierungsrunde noch aktiv dabei zu sein oder tatsächlich in Schwellenländern zuzukaufen. Die europäischen Marktführer haben noch traumhafte Gewinnmargen von durchschnittlich 42 Prozent. Das spült erhebliche Barmittel in die Unternehmenskassen und sollte genügend Liquidität schaffen, um mit der nächsten Übernahme nicht allzu lange warten zu müssen.

Bevor es im Kampf um die europäische Hackordnung zu Megafusionen kommt, wird es in den nächsten ein bis zwei Jahren aber noch eine Reihe mittlerer Übernahmen geben – auch Telia-Sonera ist noch kein Elefant. Zu den Übernahmekandidaten zählen derzeit neben Telenor und TDC auch Telekom Austria, die niederländische KPN und die belgische Belgacom. Als Käufer kommen neben France Télécom auch Telefónica, Deutsche Telekom und Vodafone infrage. Die Deutsche Telekom will zwar in Griechenland einsteigen. Entscheidend zur Konzerngröße tragen die Hellenen mit einer Marktkapitalisierung von neun Milliarden Euro aber nicht bei. Telekom-Chef René Obermann sollte sich daher sputen, damit er nicht nehmen muss, was übrig bleibt.

Sandra Louven
Sandra Louven
Handelsblatt / Korrespondentin in Madrid

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