Frankreich - Deutschland
Zwei knorrige Eichen

Gerhard Schröder fand dafür den Begriff der „Mühsal der Ebene“: wenn das Misstrauen zurückkehrt in die deutsch-französischen Beziehungen, wenn Leerlauf herrscht, wenn die Chemie zwischen den Chefs in Berlin und Paris nicht stimmt.

In seiner ersten Amtszeit erlebte Schröder dies. Beim Berliner EU-Gipfel im Jahr 2000 fühlte er sich von Jacques Chirac über den Tisch gezogen. Frankreichs Präsident hatte die von Deutschland forcierten Kürzungen bei den überkommenen EU-Agrarsubventionen erfolgreich verhindert. Schröder kam mit Chirac erst besser klar, als es gemeinsam gegen den Irak-Krieg und gegen US-Präsident Bush ging.

Auch Angela Merkel muss zu Beginn ihrer Kanzlerschaft ein deutsch-französisches Tal durchschreiten. Vor dem halbjährlichen deutsch-französischen Gipfel am heutigen Donnerstag in Paris belasten die Vorgänge bei Airbus spürbar die Atmosphäre. Wieder haben die Deutschen Angst, von den Franzosen übervorteilt zu werden, diesmal bei der Sanierung von Airbus und dem damit verbundenen Verlust von Arbeitsplätzen.

Die Krise des einstigen europäischen Vorzeigeunternehmens zeugt einmal mehr von der kulturellen Kluft, welche die politischen und geschäftlichen Welten dies- und jenseits des Rheins immer noch trennt. Zum einen das grundlegend unterschiedliche Staatsverständnis: Franzosen gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass der Staat am Kapital eines politisch-strategisch bedeutenden Unternehmens wie des Luftfahrt- und Rüstungskonzerns EADS beteiligt ist und als Aktionär bei unternehmerischen Entscheidungen ein gewichtiges Wort mitredet.

Die Deutschen betrachten es dagegen als Tugend, dass sich der Staat aus Kapital und Management von Industrieunternehmen heraushält. Im französischen Zentralismus in Paris ist es nach wie vor üblich, dass der Staatspräsident einen Topmanager politisch unter Druck setzt. Im deutschen Föderalismus kann sich die Bundeskanzlerin das nicht erlauben. Dieser unterschiedliche Umgang zwischen Politik und Wirtschaft mündet in konkrete Erwartungen. „Madame Merkel“, so heißt es in Chiracs Umgebung, „muss sich politisch deutlicher als bisher zum Unternehmen EADS bekennen“.

Zum anderen das unterschiedliche Hierarchie-Verständnis dies- und jenseits des Rheins: Ein französischer Président Directeur Général (PDG) herrscht in seinem Unternehmen ungleich autoritärer als ein deutscher Vorstandsvorsitzender. Deshalb erscheint es den Franzosen auch ganz normal, dass Ex-EADS-Co-Chef Noël Forgeard das Prestigeprojekt A380 von oben herab dekretierte – ohne sich um Details und um andere Meinungen im Unternehmen zu scheren. Das wiederum empört die an einen kollegialen Managementstil gewöhnten Deutschen, die Forgeard Arroganz und Fehlentscheidungen vorwerfen. „Ein deutscher Unternehmer kommt morgens vor seinen Mitarbeitern in den Betrieb und geht abends als Letzter nach Hause“, doziert ein hochrangiger deutscher Diplomat. Daran könnten sich die Franzosen ein Beispiel nehmen.

Umgekehrt vermissen Franzosen bei deutschen Entscheidungsträgern oft den nötigen Wagemut. Als Beispiel dafür wird in Paris das frühere Interesse von Siemens am Schnellzug- und Turbinenkonzern Alsthom genannt, das damals in Paris auf Ablehnung stieß. „Warum hat Siemens sich darüber nicht einfach hinweggesetzt und ein Übernahmeangebot für Alsthom vorgelegt?“ wundert sich ein französischer Manager.

So reden Deutsche und Franzosen häufig aneinander vorbei. „Die Gebrauchsanweisung für die deutsch-französische Partnerschaft wird nie einfach zu lesen sein“, seufzt ein Berater von Chirac. Und ein deutscher Diplomat stöhnt: „Wir sind zwei Eichen im europäischen Wald, aber diese Eichen sind keine Zwillinge. Wir müssen unsere Unterschiede kennen und akzeptieren.“ Denn voneinander lassen können Deutschland und Frankreich ja nicht. Beide eint das fundamentale Interesse, die heimische Industrie im Globalisierungskampf zu verteidigen. Nur gemeinsam können die beiden größten EU-Staaten die politische Integration Europas vorantreiben. Und bei den militärischen Kriseneinsätzen rund um den Globus sind Deutsche und Franzosen mehr denn je aufeinander angewiesen.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel
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