Frankreich
Die zornigen Kinder

Diesen Jahrestag würde Frankreich am liebsten vergessen: Der Tod von zwei Jugendlichen am 27. Oktober 2005 löste die gewalttätigen Unruhen in den französischen Vorstädten aus, die das Land drei Wochen lang erschütterten.

Zwölf Monate später hat sich die Lage nur scheinbar beruhigt. Zwar lieferte sich die zornige Jugend noch keine große Straßenschlacht mit der Polizei. Doch brennende Autos und gewaltsame Attacken auf Ordnungshüter gehören weiterhin zum Alltag in den trostlosen Hochhaussiedlungen. Dabei kann man der französischen Regierung keine Untätigkeit vorwerfen. Im Gegenteil: Die Revolte im Herbst des vergangenen Jahres hat erstmals eine echte Kehrtwende bewirkt, sowohl in der Stadtplanung als auch in der Arbeitsmarktpolitik für jene jungen Franzosen, deren Eltern und Großeltern aus den ehemaligen Kolonien in das Mutterland gekommen waren.

Die Betroffenen zeigen sich davon bisher aber kaum beeindruckt. Die Eliten haben mit ihrer Jahrzehnte währenden Gleichgültigkeit und Arroganz am unteren Ende der Gesellschaft tiefe Spuren hinterlassen: Die benachteiligte Jugend glaubt nicht mehr daran, dass Politik für sie etwas bewirken kann. Deshalb ist zu erwarten, dass die Bewohner der Vorstädte, die mehrheitlich längst französische Staatsbürger sind, der Präsidentschaftswahl im Frühjahr massenhaft fernbleiben werden. Leidtragender wäre vor allem der sozialistische Kandidat, der seine potenziellen Wähler in benachteiligten Schichten nicht mehr erreicht. Profitieren würde der in den Vorstädten verhasste konservative Kandidat Nicolas Sarkozy. Hauptgewinner aber wäre der rechtsextreme Jean-Marie Le Pen, der mit ausländerfeindlichen Parolen immer mehr Wähler mobilisiert.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel
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