Frankreich
Eine neue Elite

Männlich, verheiratet, weiß, elitär, katholisch. Seit Charles de Gaulle musste jeder französische Staatspräsident diese fünf Voraussetzungen erfüllen, um in den Elysée-Palast einziehen zu können.

Erst jetzt, knapp sechzig Jahre nach Gründung der fünften Republik, scheinen sich die gesellschaftlichen Einstellungsbedingungen für Staatsoberhäupter zu ändern.Den Wandel verkörpern jene beiden Kandidaten, denen derzeit die größten Chancen für das höchste Amt im Staate eingeräumt werden: Nicolas Sarkozy und Ségolène Royal. Letztere bricht gleich zweifach mit den bisher gültigen Tabus: Sie ist eine Frau, und sie hat den Vater ihrer vier Kinder nicht geheiratet. Dass sich die Mehrheit der Franzosen Royal trotzdem als Staatspräsidentin vorstellen kann, hat die Elite des Landes kalt erwischt. Das beweist vor allem eines: Die politische Klasse Frankreichs hinkt dem gesellschaftlichen Wandel meilenweit hinterher.

Das gilt auch für Royal selbst. Sie hatte zunächst geglaubt, ihren langjährigen Partner heiraten zu müssen, um sich für das Präsidentschaftsamt zu qualifizieren, und dies sogar öffentlich angekündigt. Von den Hochzeitsplänen ist mittlerweile keine Rede mehr. Royal hat vielleicht gemerkt, dass eine ledige Kandidatin gar nicht mehr auffällt in einer Gesellschaft, in der die Patchwork-Familie immer mehr zur Regel wird.

Verheiratet oder nicht? Diese Frage ist auch für den voraussichtlichen konservativen Präsidentschaftskandidaten Nicolas Sarkozy von großem Interesse. Berichten zufolge ließ Sarkozy mehrere repräsentative Umfragen dazu durchführen. Sie ergaben, dass der Familienstand der Kandidaten für die große Mehrheit der Wähler keine Rolle mehr spielt. Sarkozy mochte das offenbar nicht glauben. Jedenfalls unternahm er jede erdenkliche Anstrengung, um seine zerbrochene Ehe mediengerecht wiederherzustellen.Vielleicht fügte sich Sarkozy deshalb in die alten Ehekonventionen, weil er dem traditionellen Anforderungsprofil für Staatspräsidenten in einem anderen Punkt nicht entspricht: Der Sohn ungarischer Einwanderer hat im alten Großbürgertum keinen Stammbaum vorzuweisen, und er hat auch keine Eliteschule besucht. Das gab es bei einem aussichtsreichen französischen Präsidentschaftskandidaten noch nie.

Zwar strömen seit Jahrzehnten alljährlich Hunderttausende von Einwanderern ins Land, früher aus Süd- und Osteuropa sowie aus Nordafrika, jetzt mehr und mehr aus Schwarzafrika. Doch die Immigranten, ihre Kinder und Enkel spielen in der Spitze des Staates bisher keine Rolle. Die alten Eliten teilen die wichtigsten politischen Ämter des Landes unter sich auf. Und sie wollen, dass dies auch künftig so bleibt.

Deshalb stößt Sarkozy im alten französischen Establishment auf seine entschiedensten Gegner. Das gilt für große Kreise seiner eigenen konservativen Partei UMP, die sich lieber an Premier Dominique de Villepin halten. Der entstammt altem französischem Adel. Das gilt auch für die einflussreiche militärische Elite. Die Generäle würden die sozialistische Offizierstochter und ENA-Absolventin Royal wohl lieber wählen als den konservativen Sarkozy, den sie für einen unberechenbaren Emporkömmling halten. Seine Außenseiter-Rolle in der Oberschicht des Landes bringt Sarkozy beim Volk aber Pluspunkte. Wenn der voraussichtliche Kandidat der Konservativen einen „Bruch“ mit der bisherigen Politik verspricht, wirkt er offenkundig glaubwürdig auf viele Wähler, die von der abgehobenen Elite Frankreichs zutiefst enttäuscht sind.

Eine nicht zu unterschätzende Rolle für die Erfolgschancen eines Präsidentschaftskandidaten spielt dessen Religionszugehörigkeit. Zwar ist das Land seit der Revolution von 1789 stolz auf seine laizistische Tradition. Trotzdem mussten bisher alle Präsidenten katholisch sein. Vieles spricht dafür, dass dies auch für die Zukunft gilt, was zwei potentielle Kandidaten in eine schwierige Lage bringt.

Der Sozialist Lionel Jospin musste schon als Spitzenkandidat im Wahlkampf 2002 erfahren, dass sein protestantischer Glauben bei vielen Franzosen nicht besonders gut ankommt. Jedenfalls wurde er deswegen damals öffentlich attackiert. Jospins Genossen Dominique Strauss-Kahn droht ähnliches Ungemach. Ein Jude, so ist in Paris immer wieder zu hören, könne in Frankreich niemals Staatspräsident werden.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel
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