FRANKREICH
Feurige Routine

Aus Frankreich flimmern wieder Bilder von brennenden Autos und heftigen Straßenschlachten zwischen Jugendlichen und der Polizei in den Pariser Vorstädten über die Mattscheibe.
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Die Wucht und die Schnelligkeit, mit der sich die Revolte ausbreitet, zeigen: Seit den großen Unruhen vom Herbst 2005 hat sich nicht viel verbessert. Im Gegenteil.

Mittlerweile hat sich so etwas wie eine Topografie der Revolte herausgebildet. Der Bodensatz besteht aus der nach wie vor hohen Arbeitslosigkeit in den Pariser Vorstädten und dem Gefühl, vom Aufschwung und von beruflichen Chancen grundsätzlich ausgeschlossen zu sein. Hinzu kommt eine latente Ablehnung des Staates, der als Unterdrückungsapparat und nicht als Garant der Chancengleichheit wahrgenommen wird. Wer einmal erlebt hat, wie ein Farbiger in einem der Vorstadtzüge kontrolliert wird, kann dieses Unterdrückungsgefühl durchaus nachvollziehen.

Damit es wirklich zu gewaltsamen Auseinandersetzung kommt, bedarf es indes eines externen Auslösers, quasi eines Zündfunkens. Das ist immer eine als ungerecht empfundene Aktion der staatlichen Autoritäten. 2005 löste eine schlecht durchgeführte Passkontrolle ein Drama aus. Zwei Jugendliche aus Clichy-sous-Bois im Norden von Paris flohen vom Bolzplatz vor den Polizisten in ein Transformatorgebäude und starben an Stromschlägen. Über eine Woche lang tobten daraufhin in den Wohnghettos der Vorstädte Unruhen.

Im März 2007 kam es zu stundenlangen Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und Sicherheitskräften im Pariser Nordbahnhof. Anlass der Unruhen war, dass es zu Handgreiflichkeiten kam, als das Ticket eines Vorstadtbewohners kontrolliert wurde. Die Sicherheitskräfte warfen den jungen Mann zu Boden, Passagiere filmten die Szene mit dem Handy und verbreiteten sie.

Sonntag nun starben zwei Jugendliche in Villiers-le-Bel, als sie auf einem Minimotorrad ohne Helm in einen Streifenwagen rasten. Die Ermittlungen der Justiz über den genauen Ablauf des Dramas laufen noch, doch allein die Beteiligung eines Polizeiwagens an dem tödlichen Unfall genügte für neue Randale.

Die Politik muss sich vorhalten lassen, dass sie seit 2005 viel versprochen und wenig gehalten hat. Zwar wurden eilig ein Gesetz für Chancengleichheit verabschiedet und neue Gelder für den sozialen Wohnungsbau in Aussicht gestellt. Doch selbst der französische Rechnungshof bemängelt in einer aktuellen Analyse, dass die Hilfe für die Vorstädte unkoordiniert läuft und wenig Wirkung hinterlässt. Das meiste Geld wird überdies nicht in Menschen und ihre individuelle Aufstiegschancen investiert, sondern in Beton.

Die alten Wohnriegel aus den 60er-Jahren werden abgerissen und durch humanere Neubauten ersetzt. Doch neue Wohnungen garantieren noch keine Aufstiegschancen. Im Urteil der Mehrheit der Franzosen ist der damalige Innenminister Nicolas Sarkozy mit seiner unnachgiebigen Haltung 2005 als Sieger aus der Krise hervorgegangen. Das lässt Schlüsse auf sein weiteres Krisenmanagement zu.

Der wirkliche Skandal liegt darin, dass die Überreaktion einer kleinen, radikalen Minderheit die Bevölkerung ganzer Bezirke diskreditiert. Jede Nacht mögen einige Hundert ge-waltbereite Jugendliche auf Randale aus sein, aber die übergroße Mehrheit der Bevölkerung in den Vorstädten zündet keine Autos und Schulen an, sondern geht zur Arbeit und zur Schule und versucht trotz aller nicht zu leugnenden Probleme, ein normales Leben zu führen.

Mit ihrer Raserei tragen die Randalierer nichts dazu bei, dass sich die Lage in den Vorstädten bessert – im Gegenteil. Das Image dieser Orte verschlechtert sich weiter. Wer sich von dort mit einem ordentlichen Schulabschluss auf Jobsuche begibt, hat durch seine Heimatadresse ein echtes Handicap. Jeden Tag, den die Randale länger dauert, gräbt sich das Image im Kollektivbewusstsein der Franzosen tiefer ein, dass mit „denen“ aus den Banlieues sowieso nichts anzufangen sei.

Hierbei fällt den Medien, allen voran dem Fernsehen, eine schwierige Rolle zu. Auf der einen Seite sind die Unruhen und ihre Hinter-gründe selbstverständlich ein wichtiges Thema. Doch viele Bewohner der Vorstädte kritisieren, dass die allabendliche Anwesenheit von Kamerateams den gewaltbereiten Jugendlichen eine wichtige Motivation gibt, erst spektakuläre Bilder der Zerstörung zu liefern. Hierbei gibt es einen richtiggehenden Wettbewerb unter den einzelnen Cités.

Früher oder später wird die Re-pressionsmaschine des Staates den Brand in den Vorstädten austreten. Neue Versprechen, das Problem endlich bei der Wurzel anzupacken, dürften folgen. Bis zum nächsten Zündfunken.

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