FRANKREICH
Madame trägt Rot

Ségolène Royal hat ihren Landsleuten lange Rätsel aufgegeben über ihren politischen Kurs.

Jetzt endlich wissen die Franzosen Bescheid: Die sozialistische Präsidentschaftskandidatin fährt ganz klar nach links. In ihrem Wahlprogramm lässt die Kandidatin keine soziale Wohltat aus.

Ob Arbeitslose oder Rentner, Sozialhilfe- oder Mindestlohnempfänger: Die Jeanne d’Arc der Armen und Schwachen will sie alle beglücken, wenn sie Präsidentin wird. Und wer soll das bezahlen? Darüber verlor Royal in ihrer gut zweistündigen Rede gestern kein einziges Wort. Dabei ist ihr der Zustand der französischen Staatsfinanzen durchaus bewusst. Sie zeichnete sogar ein besonders düsteres Bild davon, wie Schuldenberg und Zinsdienst den politischen Handlungsspielraum immer mehr einengen. Die Verantwortung schiebt Royal allein dem politischen Gegner zu, ohne selber über Lösungsansätze auch nur nachzudenken.

In schlechter alter republikanischer Tradition lässt Royal die Franzosen in ihrem sozialromantischen Glauben an die Allmacht des Staates und seines höchsten Repräsentanten. Das war von der neuen Hoffnungsträgerin nicht unbedingt zu erwarten gewesen. Noch vergangenes Jahr hatte Royal den Anschein erweckt, dass sie die Sozialistische Partei modernisieren und der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts anpassen wolle – was bei den Altvorderen einiges Entsetzen auslöste.

Doch im Widerstreit zwischen Kandidatin und Parteiapparat hat Letzterer obsiegt. Royal will den Sozialstaat nicht nur ausbauen, sondern sogar exportieren – nach Europa und gleich in die ganze Welt. Nicht nur die Europäische Währungsunion, sondern auch die Welthandelsorganisation soll sich sozialen Kriterien unterwerfen. Die historische Mission der Grande Nation lebt – jedenfalls bei der Dame in Rot.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel
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