Frankreich

Peugeot-Citroen holt alte Leichen aus dem Keller

Vor den Präsidentschaftswahlen in Frankreich hielten viele Unternehmen ihre Sanierungspläne zurück. Nun reiht sich eine Sanierung an der anderen. Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande ist verägert.
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Was in Deutschland Opel ist, ist in Frankreich Peugeot-Citroen. Die Belegschaft in Frankreich kämpft um ihre Arbeitsplätze. Quelle: AFP

Was in Deutschland Opel ist, ist in Frankreich Peugeot-Citroen. Die Belegschaft in Frankreich kämpft um ihre Arbeitsplätze.

(Foto: AFP)

Frankreich steht unter Schock. PSA Peugeot-Citroën, eine nationale Ikone, baut zehn Prozent seiner Autobelegschaft im Inland ab. Das ist kein Einzelfall. Was die Regierung befürchtete, wird zur Gewissheit: Viele Unternehmen haben Sanierungspläne vorbereitet, die sie während des Präsidentschaftswahlkampfs nicht aufzudecken wagten und nun hervorholen. Staatspräsident François Hollande tobt: Die PSA-Führung habe monatelang "gelogen", und er droht: "Der Staat akzeptiert diesen Sanierungsplan nicht, er muss neu verhandelt werden."

Die Empörung ist nachvollziehbar. Peugeot und Citroën gehören zu Frankreich wie Baguette und Rotwein. Dass diese ehrwürdigen Marken auf der Kippe stehen, trifft die Regierung weitgehend unvorbereitet. Die kräftigen Worte des Präsidenten ändern nichts daran, dass die Mannschaft von Hollande und Premier Jean-Marc Ayrault noch keine wirtschaftspolitische Strategie hat, um auf den bevorstehenden Jobabbau in der Industrie zu reagieren. Die Regierung weiß nicht, wie sie die Arbeitskosten der Unternehmen senken soll. Das Thema war lange tabu. Industrieminister Arnaud Montebourg hat dazu wenig bis nichts beizutragen, er setzt auf schwüles Pathos: "Wir werden bis zum letzten Blutstropfen um unsere Industriestandorte kämpfen." Konkret wurde er nur bei der neuen Staatsbank, die angeblich die Mittelständler aus dem Jammertal führen werde, bei der Ankündigung, die deutschen Fraunhofer-Institute kopieren zu wollen, und der Drohung nach Brüssel, gegen die europäische Wettbewerbspolitik zu kämpfen. Mit Montebourg fährt Frankreichs Industrie wohl vor die Wand.

Das sind Europas Auto-Bestseller
vw passat
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Platz 10: VW Passat

Das Marktforschungsunternehmen Jato Dynamics untersucht regelmäßig, wie sich die Autoverkäufe aller Marken und Modelle in Europa im Monats- und im Jahresvergleich entwickeln. Die neuesten Ergebnisse zeigen, dass von April 2011 bis Aprill 2012 die Auto-Absätze insgesamt in Europa um 7,1 Prozent zurückgingen, alleine in diesem Monat waren es 6,1 Prozent.

Einige Marken und (Massen-)Modelle sind aber fast konjunkturunabhängig "ewige" Bestseller. Dazu zählt für VW der Passat. Er liegt in der Top Ten auf dem letzten Platz, und auf Jahres- und Monatsbasis ins Minus gerutscht. Den Wolfsburger Konzern mag aber trösten, dass er in der Bestenliste der Europa-Absatzsieger noch zwei Kandidaten besser platzieren konnte.

Verkäufe der Modellreihe in Europa im April 2012: 16.863
Verkäufe der Modellreihe in Europa im April 2011: 22.315
Veränderung im Vergleich zum Vorjahresmonat: minus 24 Prozent
Verkäufe vom 01.01.2012 bis Ende April: 72.379
Verkäufe vom 01.01.2011 bis Ende April: 75.842
Veränderung im Vergleich zum Vorjahr: minus 4,6 Prozent
Ergänzend muss man zu der Auswertung anmerken, dass Jato nur Gesamtverkäufe betrachtet und keine Ausweisung nach Hersteller- und Händlerzulassungen vornimmt, die aber bei vielen Massenherstellern beträchtliche Ausmaße angenommen hat. Verschiedene Bauvarianten (Kombi, Cabrio) werden subsummiert.

bmw 3er
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Platz 9: 3er BMW

Verkäufe der Modellreihe in Europa im April 2012: 16.863
Verkäufe der Modellreihe in Europa im April 2011: 22.315
Veränderung im Vergleich zum Vorjahresmonat: minus 24 Prozent
Verkäufe vom 01.01.2012 bis Ende April: 72.379
Verkäufe vom 01.01.2011 bis Ende April: 75.842
Veränderung im Vergleich zum Vorjahr: minus 4,6 Prozent

In der Statistik der erfolgreichesten Automarken nach Absatz in Europa liegt BMW (mit sämtlichen Modellreihen) im Betrachtungszeitraum Anfang Januar bis Ende April 2012 auf Rang 8 von 10 mit 212.912 verkauften Autos. Das entspricht im Jahresvergleich einem leichten Plus von 0,6 Prozent.

fiat panda
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Platz 8: Fiat Panda

Verkäufe der Modellreihe in Europa im April 2012: 17.268
Verkäufe der Modellreihe in Europa im April 2011: 16.724
Veränderung im Vergleich zum Vorjahresmonat: plus 3,3 Prozent
Verkäufe vom 01.01.2012 bis Ende April: 65.516
Verkäufe vom 01.01.2011 bis Ende April: 72.280
Veränderung im Vergleich zum Vorjahr: minus 9,4 Prozent

ford focus
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Platz 7: Ford Focus

Verkäufe der Modellreihe in Europa im April 2012: 19.677
Verkäufe der Modellreihe in Europa im April 2011: 21.008
Veränderung im Vergleich zum Vorjahresmonat: minus 6,3 Prozent
Verkäufe vom 01.01.2012 bis Ende April: 94.547
Verkäufe vom 01.01.2011 bis Ende April: 92.679
Veränderung im Vergleich zum Vorjahr: plus 2,0 Prozent

opel astra
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Platz 6: Opel / Vauxhall Astra

Verkäufe der Modellreihe in Europa im April 2012: 20.019
Verkäufe der Modellreihe in Europa im April 2011: 24.445
Veränderung im Vergleich zum Vorjahresmonat: minus 18,1 Prozent
Verkäufe vom 01.01.2012 bis Ende April: 84.129
Verkäufe vom 01.01.2011 bis Ende April: 104.356
Veränderung im Vergleich zum Vorjahr: minus 19,4 Prozent

opel corsa
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Platz 5: Opel / Vauxhall Corsa

Verkäufe der Modellreihe in Europa im April 2012: 20.338
Verkäufe der Modellreihe in Europa im April 2011: 24.357
Veränderung im Vergleich zum Vorjahresmonat: minus 16,5 Prozent
Verkäufe vom 01.01.2012 bis Ende April: 93.838
Verkäufe vom 01.01.2011 bis Ende April: 108.713
Veränderung im Vergleich zum Vorjahr: minus 13,7 Prozent

renault clio
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Platz 4: Renault Clio

Verkäufe der Modellreihe in Europa im April 2012: 20.604
Verkäufe der Modellreihe in Europa im April 2011: 22.336
Veränderung im Vergleich zum Vorjahresmonat: minus 7,8 Prozent
Verkäufe vom 01.01.2012 bis Ende April: 86.946
Verkäufe vom 01.01.2011 bis Ende April: 111.359
Veränderung im Vergleich zum Vorjahr: minus 21,9 Prozent

Doch neben ihm arbeitet Louis Gallois, der erfolgreiche frühere EADS-Chef. Gallois hat von Ayrault den Auftrag bekommen, einen "produktiven Pakt für die Industrie" zu erarbeiten - also eine Alternative zu Montebourgs konfuser Mischung aus altlinken und neogaullistischen Rezepten. Für Gallois geht es vor allem darum, die Arbeitskosten in den Griff zu bekommen, die Sozialabgaben zu senken, die Margen der französischen Unternehmen zu steigern, damit sie in höherwertige Produkte investieren und damit den Weg aus der Abstiegsspirale finden können.

80.000 Industriearbeitsplätze stehen auf der Kippe
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12 Kommentare zu "Frankreich: Peugeot-Citroen holt alte Leichen aus dem Keller"

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  • Ich denke, der Fehler liege anderswo: Während ein Drittel der Völker Europas zunehmend verarmte, wurden die Autos immer teurer - angepasst an die Gewinner der neoliberalen Umverteilung. Das wird durch Statistiken kaum wiedergegeben - die weisen für 2012 den bisher höchsten Bestand an zugelassenen KFZ in Deutschland aus. Dafür dürfte Umverteilung verantwortlich sein sein: Während manche Halter-Familien neben Geländewagen und Sportcoupe auch noch eine Luxuslimousine, einen Kleinwagen und ein Motorrad besitzen, gibt es andererseits zunehmend Familien ohne KFZ, bedingt auch durch astronomische Spritpreise und horrende Steuern für alte Diesel-Fahrzeuge. Im Ergebnis bedeutet das, dass pro KFZ deutlich weniger gefahren wird - wer drei Autos hat, fährt auch nur jeweils mit einem - und damit weniger Verschleiß entsteht.

    Hinzu kommt wachsende Konkurrenz aus Fernost - die vor allem im Bereich der Klein- und Mittelklassewagen zum Zuge kommt.

    Hier geht es nicht nur um Managementfehler, sondern darum, dass der Kuchen immer kleiner wird und immer mehr von ihm essen wollen.

    Dipl.-Kfm. Winfried Sobottka

  • Ja nun so was aber auch. Und nun ist Hollande verärgert
    Das kommt davon, wenn man während des Wahlkampfes alles schön redet, lügt und Versprechungen macht.
    Nun holt den tollen Monsieur Hollande die Wahrheit ein.
    Aber da ist ja noch Deutschland. Da kann man doch mal an die Tür klopfen und Hilfe fordern
    Und lieber Monsieur Hollande, denken Sie dran, die beiden Autokonzerne werden nicht die einzigen bleiben, die ganze franz. Wirtschaft ist marode

  • Zitat aus dem Artikel:

    "Umso sinnloser ist es, dass der Präsident die von Nicolas Sarkozy beschlossene höhere Mehrwertsteuer zurücknehmen will."


    Wieso soll das denn sinnlos sein? Eine Umsatzsteuerhöhung hat in einer Lage,in der viele ohnehin ihr Geld in den Konsum fließen lassen, viele andere ihr Geld in Finanzanlagen stecken, es also sowieso nicht in den Konsum fließen lassen, doch eindeutig eine Reduzierung der realen Binnennachfrage zur Folge, die eine Drosselwirkung auf die Wirtschaft ausübt!

    Im Gegensatz zu Sarkozy, dem es um Entlastung der Reichen ging,strebt Hollande eine höhere Besteuerung dort an, wo staatlicher Zugriff nicht drosselt, sondern unproduktives Kapital abschöpft!

    Wieso soll das sinnlos sein? Das ist eindeutig klug!

    Dipl.-Kfm. Winfried Sobottka

  • PSA hat seine Fahrzeuge viel zu lange über Dauer-Rabattierung verschleudert.Jetzt darf es die Belegschaft ausbaden.Den Fehler machte wie so oft das Management.

  • Gefragt sind völlig neuartige Konzepte, die man nur dann entwickeln kann, wenn man in der Lage ist, außerhalb der eingefleischten Bahnen zu denken. Dazu müsste man im Idealfall das ganze französische Volk zu einem "Think-Tank" machen, denn neuartige Ideen kommen eher von einem 17-jährigen Gymnasiasten als von saturierten Gewerkschaftsvertretern. Außerdem müsste es gelingen, den Kampf für Vollbeschäftigung und Wohlstand aller zu einer enthusiastisch gefühlten Volksaufgabe zu machen. Solange ein lethargisches Volk nur Erwartungshaltung und Anspruchsdenken zu bieten hat, ist es unmöglich, ein Land aus der Krise heraus zu reißen.

    Bei aller Ablehnung der NS-Ideologie muss man anerkennen, dass die wirtschaftliche Aufbauleistung im Deutschland ab 1933 von Kreativität getragen war und es sich von daher lohnt, sich einmal näher damit auseinanderzusetzen. Nach dem Schema, nach dem Deutschland damals seine Aufrüstung finanzierte, von null zur größten Kontinentalstreitmacht, könnte man auch einen zweiten Wirtschaftsbereich finanzieren, z.B. Hjalmar Schacht war der Kopf dahinter, Stichwort: Metallurgische Forschungsgesellschaft mbH – (MeFo) hatte etwas Geniales an sich.

    Aber auch andere Aspekte kömmen hinzu: Die Beschäftigung in einem Arbeitsdienst wäre für so manche arbeitslosen Jugendlichen zweifellos besser, als mit Drogen zu dealen und Gewaltkriminalität auszuüben.

    Es müsste einfach von möglichst vielen Köpfen in möglichst viele Richtungen gedacht werden, man brauchte einen echten Mega-"Think-Tank", das Volk müsste mitgerissen werden, und - bei aller Ablehnung der NS-Ideologie sollte man sich einmal ansehen, was im Deutschland der 30-ger Jahre wirtschaftlich geschah und wie das Volk mitgerissen wurde. So manches ließe sich durchaus auf die Anstrebung ethisch einwandfreier Ziele übertragen, und Hjalmar Schacht könnte tatsächlich das größte Finanzgenie aller Zeiten gewesen sein.

    Dipl.-Kfm. Winfried Sobottka

  • Hier sieht man einmal mehr, wie wenig Statistiken in Zeiten der Lüge aussagen: Rein statistisch betrachten werden die Entlassungen, die die französische Wirtschaft nun aus dem Sack lässt, natürlich der Ära Hollande angelastet, obwohl man natürlich nicht behaupten kann, sie seien seiner Politik zu "verdanken".

    Es wird aber auch noch etwas anderes deutlich: Mit den phantasielosen Konzepten, wie man sie von deutschen Gewerkschaftern kennt, wird Frankreich nicht auf einen gesunden Kurs zu bekommen sein. Natürlich ist es der Traum pseudo-linker Pfründenritter, sich Denkarbeit (zu der sehr viele von ihnen nur sehr begrenzt fähig sind) zu ersparen und einfach ebenso phantasielos "linke Politik" (Subventionen für notleidende Massenbetriebe) zu machen wie Merkel & Co. phantasielos von unten nach oben umverteilen (Reichensteuern senken, Armensteuern erhöhen, Sozialausgaben senken).

    Doch mit phantasielosem Unsinn wird man des neoliberal angerichteten Scherbenhaufens nicht Herr werden können, schon gar nicht in einer Zeit, in der außerdem noch Sparzwänge diktiert werden.

    Dipl.-Kfm. Winfried Sobottka

  • Gerd Schröder

  • Ach du liebe Güte. Die Sozialisten lesen den Wirtschaftsteil der Zeitungen nicht, nirgends, nicht in Frankreich und nicht in D. Während der Ausarbeitung all der großzügigen Wahlversprechen blieb dafür einfach keine Zeit.

  • Ja, die Sozialisten müssen wieder lernen, daß an der sozialen Marktwirtschaft und dem Respekt gegenüber den Leistungsträgern kein Weg vorbeiführt.

    Leistung muß sich lohnen! Man kann nicht immer nur umverteilen.

    In seiner sozialistischen Not will Hollande nun auch noch die deutschen Renten in seine bald maroden Banken pumpen. Das nennt sich dann Bankenunion.

    Ich hoffe nur, daß die deutschen Politiker das Gesamtsystem erkennen.

  • wenn der autor schon mit der börse agumentiert,hier ein paar fakten von damals: vier jahre hatte s. nicht,der abschwund der n.e. setzte im märz 2000 ein(barrons report-todesliste als auslöser),im märz 2003 war der tiefpunkt erreicht,da war aber die agenda erst in planung,s.kam aber erst im herbst 98 an´s ruder,von daher waren es nur 1,5 jahre börsenaufschwung,außerdem war zu der zeit gerade rußland-,asien- und ltcm -hedgefondskrise,die den dax von juli 98 38% bis oktober 98 kosteten,beim nemax waren es fast 50% ,allerdings glich der nemax bis februar 99 alle verluste aus,währende der dax die 6221 erst im dez.99 wiedersah....

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