Frankreich
Rambo im Elysée

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Nicolas Sarkozy redet gerne Klartext. Seine erste außenpolitische Grundsatzrede seit seinem Wahlsieg im Mai nutzte der französische Staatspräsident, um rund um den Erdball kräftig auszuteilen. Russland setze sich dank seiner Energiereserven mit einer „gewissen Brutalität“ auf der internationalen Bühne durch. China betreibe mit seiner unterbewerteten Währung „Machtpolitik“, und soziale oder ökologische Normen würden im Reich der Mitte „mit Füßen getreten“. Die Uno und die Nato bekamen auch ihr Fett weg: „Sie tun sich von Darfur bis nach Afghanistan schwer, mit ihren Fähigkeiten zu überzeugen.“

Mag wohl sein, dass viele westliche Staats- und Regierungschefs genauso denken wie Sarkozy. Ob sie ihre Gedanken den Botschaftern Chinas, Russlands und fast aller anderen Staaten der Welt in dieser Form ins Gesicht sagen würden, wie Sarkozy es gestern tat, steht auf einem anderen Blatt. Diplomatie ist erklärtermaßen nicht die Stärke des Mannes, den die Franzosen zu ihrem Chefdiplomaten auserkoren haben.

So schlecht er über manche andere redet, so wichtig nimmt Sarkozy sich selbst. Der Staatschef hat gestern gleich mehrfach einen französischen Führungsanspruch formuliert, sowohl in Europa als auch weltweit. Unter französischer Führung soll die EU eine neue sicherheitspolitische Strategie formulieren, wobei Frankreich nebenbei auch gleich die Nato reformieren will. Unter Sarkozys persönlicher Leitung soll der Uno-Sicherheitsrat im September Lösungen für die Krisengebiete Afrikas entwickeln. Bei aller zur Schau getragenen Omnipräsenz lernt Sarkozy dazu. So hat er wider Willen schlucken müssen, dass die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei erst einmal weitergehen. Die mühselige außenpolitische Realität der Mittelmacht Frankreich wird auch diesen Präsidenten einholen.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel

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