Französischer Wahlkampf
Hollande überzeugt wie ein Präsident

Im TV-Duell wollte der französische Präsident Nicolas Sarkozy seinen Herausforderer „zerlegen“. Stattdessen hat Francois Hollande gepunktet. Denn er präsentierte sich wie ein Staatsoberhaupt: souverän, ruhig, gefasst.
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Frankreich rückt dem Machtwechsel ein Stück näher: Ohne jede Begeisterung, ohne große Hoffnung darauf, dass sich ihre Lage rasch verbessern wird, scheint eine knappe, aber ausreichende Mehrheit den Sozialisten Francois Hollande in den  Elysée-Palast zu schicken. Das mit so viel Spannung erwartete Fernsehduell zwischen ihm und dem Amtsinhaber Nicolas Sarkozy ging ohne große Überraschung aus. Es wäre wohl die letzte Gelegenheit für Sarkozy gewesen,  Hollande aufzuhalten. Doch „Sarko“ war nicht stark genug, um seinem Gegner eine Niederlage zu bereiten.

Er werde ihn „zerlegen“, aus „der Deckung heraustreiben“, kündigte der Präsident an – und war wieder mal zu großspurig. In der Debatte wirkte er nicht überlegen-präsidial, sondern verspannt und unfähig, ein konsistentes Bild für Frankreichs Zukunft zu entwerfen. Die französischen Medien wiegen und werten heute die Argumente der beiden Gegner. Löblich und richtig, doch am Kern dessen, was von einem TV-Duell hängen bleibt, geht das wohl vorbei.

Die unentschiedenen Wähler, und um die ging es beiden Kandidaten, sitzen nicht mit dem Taschenrechner vor ihrem Fernsehgerät. Haltung, Aussehen, Stimmlage der Kontrahenten sind wichtiger als die Zahl hinter dem Komma. So gesehen dürfte von dieser Debatte hängen bleiben, dass der Herausforderer auftrat, als sei er schon im Amt: Souverän, ruhig, gefasst. Der Amtsinhaber dagegen kam übermäßig aggressiv rüber, warf seinem Gegenüber –zigmal Lüge, Verleumdung, Inkompetenz, Wahnsinn gar vor. Sarkozy, der wegen seiner Treffsicherheit und Gedankenschärfe so gefürchtete Debattierer hatte keinen guten Tag. Hinzu kam, dass Hollande aufgrund seiner Führung in den Umfragen eine komfortable Ausgangsposition hatte: Er musste nur ein Unentschieden in der Diskussion erreichen. Sarkozy dagegen war darauf angewiesen, seinen Gegner zu besiegen. Doch gleichzeitig die eigene Bilanz als Präsident verteidigen zu müssen und das Projekt seines Herausforderers „zerlegen“ zu wollen, das überforderte sogar Sarkozy.

In der Sache verlief die Debatte genau so auf die Innenpolitik zentriert wie der ganze Wahlkampf. Frankreich in der Globalisierung, der Umgang mit einer veränderten Weltordnung, das kam nicht vor. Eifrig stritten die beiden Kandidaten stattdessen über die Arbeitszeit der Lehrer, den Mindestlohn und die Höhe des strukturellen Defizits. Bemerkenswert war allerdings, dass Deutschland plötzlich wieder als Messlatte auftauchte. Hollande, der sich früher eher abfällig über die angebliche deutsche Neigung zu übermäßiger budgetärer Strenge äußerte, war Sarkozy nun vor, erst zu spät das Vorbild Bundesrepublik erkannt zu haben, lobte die deutsche Reaktion auf die Krise mit Kurzarbeit und gemeinsamem Bemühen der Sozialpartner, Arbeitsplätze zu erhalten.

Hollande scheint sich bereits darauf einzustellen, dass er in der nächsten Woche nach Berlin reisen wird. Nicht als Kandidat, den Merkel nicht empfangen wollte. Sondern als neuer Präsident der französischen Republik, der ein Land im Abstieg übernimmt, dass er aufrichten und wieder zu einem gleichwertigen Partner Deutschlands machen muss.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

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