Führungswechsel bei Siemens
Das Ende einer Ära

Jetzt ist der Generationswechsel in den Top-Etagen der deutschen Wirtschaft wohl endgültig vollzogen. Siemens-Chef Heinrich von Pierer kündigte gestern nach zwölf Jahren an der Konzernspitze seinen Rückzug für Januar 2005 an. Einer der Letzten der alten Garde und einer der angesehensten Unternehmenslenker räumt damit das Feld – und überlässt es seinem Kronprinzen Klaus Kleinfeld.

Ob bei der Allianz oder Münchener Rück, bei Lufthansa, RWE oder Eon: Jetzt haben die Jungen das Sagen. Mit ihnen zieht auch ein neuer Stil ein. Sie blicken auf die nackten Zahlen, drängen auf Profitabilität. Die viel zitierte „Deutschland AG“, das lange fest gefügte Beziehungsgeflecht zwischen den großen deutschen Konzernen, geht dem Ende entgegen.

Aber die neue Manager-Generation sollte sich gerade bei von Pierer einiges abschauen. Der 63-Jährige war auch ein Mann des sozialen Ausgleichs, gerade mit den über 400 000 Siemens-Mitarbeitern. Er wusste um seine gesellschaftliche und politische Verantwortung, meldete sich mit unbequemen Wahrheiten zu Wort. Von Pierer war ein Vertrauter von Kanzler Gerhard Schröder und CSU-Chef Edmund Stoiber, unterhielt gute Kontakte zu vielen Regierungschefs dieser Welt.

Erst vor zwei Wochen hatte der Spross einer österreichischen Adelsfamilie sein letztes Meisterstück abgeliefert: Mit den Betriebsräten von zwei bedrohten Mobilfunkwerken einigte sich der Siemens-Chef auf die Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche. Von Pierer setzte sich damit nicht nur gegen den harten Widerstand der IG Metall durch und rettete in einer spektakulären Aktion Arbeitsplätze in Deutschland. Er setzte auch ein im In- und Ausland viel beachtetes Zeichen und löste eine deutschlandweite und branchenübergreifende Debatte über längere Arbeitszeiten aus.

Und doch unterläuft ihm am Ende seiner Karriere ein Schönheitsfehler. Denn ganz von der Macht kann auch von Pierer nicht lassen. Er will Anfang 2005 nahtlos an die Spitze des Siemens-Aufsichtsrats wechseln und über seinen Nachfolger wachen – ungeachtet aller Diskussionen um Corporate Governance. Das wird sicher einen Schatten auf die unbestrittenen Leistungen von Pierers werfen.

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