Fusionen und Übernahmen
Analyse: Offenes Fenster

Verkehrte Welt: Ausgerechnet zum Beginn des traditionellen Sommerlochs ist eine regelrechte Fusionswelle losgebrochen.

Verkehrte Welt: Ausgerechnet zum Beginn des traditionellen Sommerlochs ist eine regelrechte Fusionswelle losgebrochen. Allein seit Beginn der Woche sind in den USA große Übernahmeangebote im Gesamtwert von mehr als sieben Milliarden Dollar veröffentlicht worden. Weltweit waren es im Juli bereits Fusionen im Wert von rund 26 Milliarden Dollar. Die lange Depression im Geschäft mit Fusionen und Übernahmen, in der englischen Abkürzung M&A genannt, scheint zu Ende zu gehen.

Was sind die Gründe hinter dem sich abzeichnenden Umschwung? Vor allem ist es die Psychologie. Wie schon der Börsenaufschwung der vergangenen Wochen zeigt, fassen die Anleger nach dem Crash auf Raten und der langen Phase der Unsicherheit und Terrorangst wieder Vertrauen in einen nachhaltigen Aufschwung. Der Horizont hellt sich auf, und das gibt auch den Unternehmensführern neuen Mut. Zum einen dürfen sie damit rechnen, dass die Börse sinnvolle Übernahmen wieder honorieren und nicht nur auf die damit verbundenen Risiken achten wird, zum anderen scheint sich derzeit ein Fenster für Investoren zu öffnen.

Die Bewertungen der Unternehmen an der Börse sind zwar bereits ein Stück gestiegen, aber nach wie vor weit von den Höchstständen vergangener Jahre entfernt. Die Gelegenheit zu gezielten Käufen scheint also günstig. Schon die verstärkten Aktivitäten großer Finanzinvestoren in den vergangenen Monaten haben gezeigt, dass die Firmenbewertungen von erfahrenen Investoren wieder als günstig eingeschätzt werden. Private-Equity- Häuser, die seit Jahrzehnten das Geschäft mit dem Kauf und Verkauf von Unternehmen betreiben, haben gerade in Europa seit Jahresbeginn kräftig zugeschlagen. Das hätten sie nicht getan, wenn sie sich nicht eine gute Chance ausrechneten, die jetzt erworbenen Unternehmen in fünf Jahren mit ordentlichen Aufschlägen weiterveräußern oder an die Börse bringen zu können.

Nun trauen sich auch die strategischen Investoren – also Unternehmen, die zur Verstärkung ihres bestehenden Geschäfts andere Firmen kaufen – wieder auf den M&A-Markt. Der erste Paukenschlag war das Übernahmeangebot des Softwareherstellers Peoplesoft für den Konkurrenten J.D. Edwards, das die Branchengröße Oracle sofort mit einem Gegenangebot für Peoplesoft konterte. Auch in den Übernahmeangeboten der letzten Tage fällt der Mut zum aggressiven Vorgehen auf. Zum Beispiel Alcan: Der kanadische Aluminiumhersteller wagte ein feindliches Übernahmeangebot in Höhe von 3,4 Milliarden Euro für den französischen Konkurrenten Pechiney, obwohl die Kartellbehörden diese Kombination vor wenigen Jahren verboten hatten.

Auch das ist ein Zeichen für die verbesserte Stimmung: Die Vorstände großer Unternehmen sind wieder bereit, Risiken einzugehen. Feindliche Übernahmen ziehen sich oft über Monate hin, der Erfolg ist ungewiss, und der Preis kann unerwartet hoch werden. Wenn Vorstände großer Konzerne jetzt trotzdem diese Risiken eingehen, zeigt das, dass der Konsolidierungsdruck unverändert hoch ist und sich die daraus resultierende Fusionswelle der neunziger Jahre jetzt – zu deutlich vernünftigeren Preisen – fortsetzt.

Das spricht dafür, dass auch der ziemlich tote M&A-Markt in Deutschland und Europa bald wieder zu neuem Leben erwachen wird. Die europäische Konsolidierung in großen Branchen wie Telekommunikation, Post und Energieversorgung, aber auch bei Banken und Versicherungen, hat gerade erst begonnen. Hier sind noch viele Mega-Deals möglich.

In den vergangenen beiden Jahren haben sich die größten deutschen Konzerne vor allem mit sich selbst beschäftigt. Wenn sie überhaupt auf dem M&A-Markt tätig wurden, dann meistens, um ihre Portefeuilles zu bereinigen, Geld in die Kasse zu holen und die Schulden zu senken. Doch diese defensive Phase dürfte bald zu Ende gehen. Wenn die Geschäfte wieder anziehen, dank Schuldenabbau mehr Geld zur Verfügung steht und steigende Kurse Übernahmen per Aktientausch attraktiv machen, werden die Konzerne auch wieder größere wachstumsorientierte Zukäufe wagen.

Bis zum Ende dieses Jahres ist da allerdings in Deutschland noch nicht viel zu erwarten. Schließlich hat ein großer Teil der Dax-Unternehmen gerade erst Wechsel an der Unternehmensspitze hinter sich. Die neuen Chefs von Konzernen wie RWE, Eon, Deutsche Telekom und Allianz brauchen sicher noch ein paar Monate der Konsolidierung, bevor sie an neue Übernahmen denken können.

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