Fussball
Globales Geschäft

Sie haben den Blondschopf gefeiert, als hätte er sein ganzes Leben in Indien verbracht: 120 000 Fußballbegeisterte jubelten diese Woche Ex-Nationalspieler Oliver Kahn zu, als er in Kalkutta zum letzten Mal in seiner Profikarriere im Tor stand.
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Die schier grenzenlose Begeisterung der Inder war für Kahn ein bewegender Abschied. Für die Fußball-Industrie war das Fest in der einst durch Mutter Teresa bekanntgewordenen Millionenstadt der endgültige Beweis, dass die Sportart dabei ist, die ganze Welt zu erobern. Denn es ist noch nicht allzu lange her, da haben sich die Inder für Fußball genauso wenig interessiert wie die Deutschen für deren Nationalsport Cricket.

Doch es sind nicht nur die Inder, die den Fußball für sich entdeckt haben. Überall in Asien gewinnt der Mannschaftssport Anhänger, die Umsätze der gesamten Branche klettern deshalb. Vereine und Sender profitieren von den Einnahmen aus den TV-Übertragungen, die Sportartikelhersteller verkaufen mehr Trikots und Kickschuhe.

Nicht nur in den Schwellenländern wird Fußball immer wichtiger. Selbst in Europa wächst das Geschäft, greifen schon die Buben im Kindergarten wie selbstverständlich zum Ball, liegen die Trikots der Stars unterm Weihnachtsbaum. Ende kommender Woche wird in Basel die Europameisterschaft angepfiffen, dann erreicht die Euphorie für dieses Jahr ihren Höhepunkt. Hunderte Millionen Fans werden dann wieder vor den TV-Geräten sitzen, viele davon in fernen Ländern, darunter unzählige Menschen, die noch nie in Europa waren, die kein Stadion je von innen gesehen haben und keinerlei Verbindung zu den Teams haben.

Die globale Begeisterung ist kein Zufall. Verbände, Vereine und Ausrüster haben in den vergangenen Jahren viel dafür getan, die Sportart besser zu vermarkten. Dass Oliver Kahn sein letztes Spiel in Indien absolviert hat und nicht zu Hause in München, ist nacktes Kalkül: In Asien liegen die Märkte der Zukunft. Allein im Großraum Kalkutta leben so viele Menschen wie in ganz Bayern. Um diese Konsumenten zu erreichen, tragen die englischen Proficlubs ihre Meisterschaftsspiele zum Teil schon um die Mittagszeit aus. Nur so ist die Live-Übertragung zur besten Sendezeit in Asien zu garantieren.

Wie professionell das Fußball-Business geworden ist, zeigt auch der Blick in die deutschen Stadien. Vorbei sind die Zeiten, in denen die Toiletten verstopft und das Fett in den Fritteusen ranzig war. Heute bieten die Arenen eine angenehme Atmosphäre, die immer mehr Familien anzieht. Im zugigen Münchener Olympiastadion seien unter 100 Besuchern nur fünf Frauen gewesen, erinnert sich Karl-Heinz Rummenigge, der Chef des Deutschen Meisters FC Bayern. In der modernen und bequemen Allianz-Arena liegt der Anteil jetzt schon bei 30 Prozent.

Ein Grund für den breiten Zuspruch ist auch, dass Vereine und Polizei die Hooligans weitgehend im Griff haben. Wer heute ins Stadion geht, der muss in aller Regel keine Angst mehr haben, dass er in einen Bandenkrieg verwickelt wird. Das war vor 30 Jahren noch ganz anders.

Allerdings muss die Branche aufpassen, dass sie es mit ihrer professionellen Vermarktung nicht übertreibt. Sie läuft Gefahr, dass das Spiel zu glatt wird, dass die Emotionen verlorengehen. Wenn in den Stadien zu viele Managergattinnen sitzen, die sich an ihren Champagner-Gläsern festhalten, während die Männer in der Loge Geschäfte machen, dann leidet die Stimmung, ist von der prickelnden Atmosphäre nichts mehr zu spüren.

Dazu kommt: Wer seine Spiele nur noch mit Blick auf die TV-Vermarktung ansetzt, der darf sich nicht wundern, wenn die Fans zu Hause bleiben. Wer hat schon Zeit, sich am frühen Freitagnachmittag zu einem Auswärtsspiel auf die Reise zu machen? Diese Gefahr droht übrigens auch, wenn kleine, aber mit potenten Sponsoren ausgestattete Vereine auf einmal in der Fußball-Oberklasse auftauchen. Der jüngste Durchmarsch von 1899 Hoffenheim in die Bundesliga zeigt deutlich, dass sich mit Geld sportlicher Erfolg kaufen lässt. Das Team aus Baden-Württemberg lebt von den Millionen des SAP-Gründers Dietmar Hopp. Doch wenn eines Tages nur noch SAP gegen VW und der Energieriese Gazprom gegen Eon antreten, dann dürften sich viele Fans enttäuscht abwenden.

Noch ist es aber nicht so weit, noch profitieren Fans und Vereine, TV-Sender und Sportkonzerne wie Adidas und Nike davon, dass das Fußballgeschäft immer professioneller wird. Deshalb ist jetzt schon klar, dass die Europameisterschaft für alle Seiten ein Erfolg wird. Falls kein Unglück die Meisterschaft überschattet, werden viele Millionen Menschen drei Wochen lang Abend für Abend ihren Spaß haben.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München

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