G-8-Gipfel in Evian
Kommentar: Zurück zum Kamin

Zum 28. Mal ist ein Weltwirtschaftsgipfel zu Ende. Die Großen Acht, dieses Dreiviertel Dutzend Machtmänner, haben sich getroffen, haben getagt und getafelt, haben die Ergebnisse ihrer Runde in Kommuniqués gegossen und sich wieder getrennt. Was bleibt?

Nicht die wohlfeilen Beteuerungen, alles für den baldigen Aufschwung der Weltwirtschaft tun zu wollen. Nicht die allgemeinplätzigen Bekenntnisse zur weiteren Liberalisierung des Welthandels. Nicht die nur mühsam un-terdrückte Unruhe eines Manchen über die Trendwende an den Devisenmärkten.

Was bleibt, sind Handschläge unter Staatsmännern. Gerhard Schröder und George W. Bush, Jacques Chirac und George W. Bush: Sie haben sich wie zivilisierte Menschen begrüßt und sie reden wieder miteinander. Oder mit den Worten des Bundeskanzlers: „Das sind erwachsene Männer.“ Den tiefen Schatten, den der Irak-Krieg über die Beziehungen zwischen Deutschland, Frankreich und den USA gelegt hat, erleuchtet eine Taschenlampenkegel. Das ist angesichts der tiefen Entfremdung, die zwischen „altem Europa“ und „neuer Welt“ Einzug gehalten hat, viel. Das war einen Gipfel wert – aber nicht so einen wie in Evian, dem kleinen französischen Kurort mit dem berühmten Mineralwasser.

Die Runden der G8 gehören dorthin zurück, wo sie herkamen: an den Kamin. Das babylonische Stimmen-gewirr von 3 500 Journalisten vertonte den Evian-Gipfel. Hundertschaften von Diplomaten wuselten herum und verteilten Erklärungen, die kaum etwas erklärten. Die Liste der Themen, zu denen sich die „Chefs“ aus-lassen mussten, hätte eine mehrwöchigen Klausurtagung klügster Köpfe als Gedankenfutter mehr als aus-gereicht: Weltwirtschaft, Handelspolitik, Kampf gegen Aids, Malaria, Terrorismus und Geldwäsche, Hilfe für Afrika, Massenvernichtungswaffen in Nordkorea und im Iran, Wiederaufbau des Irak, Frieden im Nahen Osten. Stopp – es reicht.

Die G8 sollten sich auch künftig ein abgeschiedenes Plätzchen suchen – Evian und im vergangenen Jahr Kananaskis im kanadischen „Outback“ waren in dieser Hinsicht exzellente Wahl. Doch dort sollten sich die Acht von einem Neunten für mindestens zwei Tage einschließen lassen, und zwar allein – Köche und Dolmetscher ausgenommen. Und dann sollten sie sich austauschen, streiten, Argumente wälzen und weise wägen.

Eine Garantie für Erfolg wäre das noch nicht. Auch für die acht mächtigsten Männer ist die Welt groß und kompliziert, und innenpolitische Zwänge zwicken manches Mal so arg, dass an vorausschauende Initiativen für die Welt und ihre Wirtschaft nur schwer zu denken ist.

Aber gertenschlanke Gipfel würden den Druck enorm erhöhen, sich auf mehr als nur Phrasen zu einigen, denn jeder der Acht wäre an seiner persönlichen Staatsmännerehre gepackt. Der Gastgeber müsste auf die Pflege seines Gastgeber-Egos durch ein „größer, schöner, zahlreicher“ verzichten. Eine Menge Steuergelder ließen sich sparen. Und die Disziplin der Herren würde zunehmen: Unfeine Gesten wie die von US-Präsident Bush, schon nach der Hälfte des Gipfels weiterzureisen (wenn auch in durchaus begrüßenswerter Mission in Sachen Nahost-Frieden), gehörten wohl der Vergangenheit an – der Peinlichkeitspegel würde einfach zu weit ausschlagen.

Dann, und nur dann, können die G8 wieder zu dem werden, als was sie Frankreichs Präsident Chirac überschwänglich, aber ohne Realitätsbezug, schön färbte: ein kraftvoller Impulsgeber für mehr Wohstand auf der ganzen Welt.

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