G-8-Gipfel
Show ohne Substanz

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Ein Ergebnis des G8-Gipfels, der am nächsten Mittwoch im Hochsicherheitstrakt von Heiligendamm beginnt, ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Wir werden weltweit eine neue Debatte über die Frage erleben, ob man dieses internationale Großereignis nicht lieber abschaffen sollte.

Seit 1975 treffen sich die Staats- und Regierungschefs der großen Industrienationen. Was als intimer Gedankenaustausch im Wohnzimmer eines französischen Schlösschens begann, entartet immer mehr zum „reinen Medien-Event“. Diese Diagnose stammt vom Erfinder der ganzen Sache, dem früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt. Man kann ihm nicht widersprechen. Heiligendamm wird sogar ein Medienereignis im allerschlechtesten Sinne sein: Schon im Vorfeld überlagert das Gerede über „strenge Sicherheitsmaßnahmen“ jeden anderen Gedanken. Die Öffentlichkeit beschäftigt sich mehr mit „Schnüffelhunden“ als mit der Agenda der G8.

Die Hauptfunktion der ganzen Veranstaltung läuft darauf hinaus, den Globalisierungsgegnern ein schönes Forum zu bieten. Man könnte die Tagesschau-Filme eigentlich schon jetzt aus Archivmaterial montieren: ein paar schöne Sequenzen von den Staatenlenkern auf einer Hoteltreppe, ein ebenso verbindliches wie nichts sagendes Interview mit Bundesaußenminister Steinmeier – und ein paar blutige Straßenkampfszenen mit dem autonomen Block. Gerade mal fünfeinhalb Stunden sind im offiziellen Programm von Heiligendamm für ernsthafte Diskussionen vorgesehen. Den Rest kann man als Show ohne Substanz abbuchen. Ja, antworten die neunmalklugen PR-Strategen der Regierung. Aber hinter den Kulissen hätten die Gipfel-Sherpas doch längst ihre Arbeit erledigt. Das Treffen selbst sei nur noch das Sahnehäubchen auf einem sorgfältig vorbereiteten Menü.

Mag sein. Aber inhaltlich kann Angela Merkel trotz minutiöser Vorbereitungen auf deutscher Seite keinen Durchbruch verkünden. Auch das ist schon jetzt klar. Klimaschutz? Mehr Transparenz für Hedge-Fonds? Kampf gegen Produkt- und Markenpiraterie? Bei keiner einzigen dieser Fragen haben die Industrieländer ihre Differenzen wirklich beigelegt. Und selbst beim Kernthema aller Gipfelkernthemen, der Globalisierung, verbreitern sich die Gräben eher: Mit ihrer neuen Lieblingsfloskel von der „sozialen Gestaltung der Globalisierung“ weckt die Bundeskanzlerin bei Briten und Amerikanern nur ein erstaunt skeptisches Zucken der Augenbrauen. Länder wie China erwarten unter diesem Stichwort ohnehin nur den alten europäischen Versuch, ihre Exporterfolge als Ergebnis von „Sozialdumping“ zu denunzieren.

Bleibt also nur Afrika. Wenn inhaltlich sonst schon nichts geht, können sich die Industrieländer wenigstens als Wohltäter des Schwarzen Kontinents positionieren. Auf diese Idee war schon Tony Blair gekommen. Irgendwie erinnert die plötzliche Vorliebe für das Thema Afrika an die schöne Komödie „Eins, zwei, drei“ von Billy Wilder. Erinnern Sie sich an Scarlett Hazeltine? Immer wenn ihr verbalradikaler Gatte Otto Ludwig Piffl über Gott und die Welt schwadroniert, fällt das naive Töchterlein eines Coca-Cola-Managers mit dem Schlachtruf ein: „Afrika den Afrikanern!“

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