G8-Gipfel
Die Mächtigen im Kokon

  • 0

Noch sitzen sie in trauter Runde am Tisch in Heiligendamm, die Staats- und Regierungschefs der sieben wichtigsten Industrieländer und Russlands. Aber das Treffen ist längst nicht mehr so beschaulich wie seinerzeit in Rambouillet. Denn der exklusive Klub steht gehörig unter Druck. Nicht nur, weil die Ergebnisse der inzwischen zu Mammut-Events ausgearteten Gipfel immer magerer ausfallen, sondern auch, weil sich neue Akteure vehement in die erste Reihe drängen.

Die G8-Staaten haben über Jahrzehnte das Privileg genossen, sich als informelle Weltregierung in Szene setzen zu können, die Normen für die Weltwirtschaft erlassen wollte. Doch ist dieser Anspruch heute noch gerechtfertigt? Bestimmen die Industrieländer die Spielregeln der Globalisierung noch so autonom, dass sie sich über all jene neuen Kräfte erheben können, die mehr Mitsprache verlangen? Wohl kaum. Die traditionelle Rangordnung USA, Europa, Japan, Russland beginnt, vom Kern her zu zerfallen. Nicht weil mit Präsident Bush, Premier Blair und Präsident Putin gleich drei der Hauptakteure ihre Abschiedsvorstellung geben. Viel wichtiger ist, dass die Gestaltungskräfte der G8-Staaten für die Ordnung der Welt erlahmen.

Es sind nicht mehr die Initiativen der G8, die bestimmen, wie die Globalisierung verläuft. Inzwischen haben sich neue Treiber hinzugesellt: Neue Technologien wie das Internet verändern die Gesellschaften im Informationszeitalter rapide, die Diffusion von Wissen in Länder, die bislang von westlicher Technik abhängig waren, schafft neue Wachstumspole, und die mit Macht nach vorn drängenden Schwellenländer machen den etablierten Kräften die Führung streitig.

Das Denken in alten Machtschablonen ist mithin überholt. Die Sieger im Ost-West-Konflikt müssen sich längst dem Wettbewerb mit dem erstarkten Süden stellen. Es gibt zwar noch zentrale Weltinstitutionen wie Uno, Weltbank, IWF oder WTO, aber ihr Einfluss schwindet ebenso wie die Bereitschaft der Industrieländer, über mehr Gerechtigkeit nicht nur zu reden, sondern sie auch durchzusetzen. Exemplarisch zu beobachten ist das am Konflikt um die Liberalisierung des Welthandels.

Da propagieren USA und EU Freihandel, wann immer sich die Gelegenheit bietet, hintertreiben aber eine Öffnung der Weltmärkte, sobald sie nationale Interessen in Gefahr wähnen. Das entspricht beileibe nicht jener Weltordnung, die sich die agilen Schwellenländer wünschen. Und daher setzt mit immer stärkerer Dynamik eine neue Globalisierung von unten ein. Unternehmen aus China und Indien drängen an die Weltbörsen, kaufen Konzerne in Europa und den USA ein. Kann es einen eindrucksvolleren Beweis dafür geben, dass die alte Vormacht wankt?

Nur die G8 reagiert nicht. Sie steckt wie in einem Kokon gefangen in ihrer Illusion, aus der Kraft der Vergangenheit die Probleme der Zukunft meistern zu können. Aber schon in wenigen Jahren werden China und Indien die USA als größte Wirtschaftsnation der Welt abgelöst haben. Spätestens dann entfalten sie ihre politischen Ansprüche mit Macht und Energie.

Die G8-Staaten müssen realisieren, dass ihre besten Zeiten vorbei sind. Die globalen Spielregeln ändern sich auch für sie. Heiligendamm könnte daher so etwas wie der Anfang vom Ende eines exklusiven Zirkels sein.

Kommentare zu " G8-Gipfel: Die Mächtigen im Kokon"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%