Gasmarkt
Kreative Russen

Ein Gespenst versetzt Politiker und Verbraucher in den Industriestaaten in Angst und Schrecken: die „Gas-Opec“, ein Kartell, in dem sich ein ebenso illusterer wie brisanter Kreis von Staaten formiert, um durch initiierte Lieferengpässe Abhängigkeiten zu schaffen und höhere Preise zu fordern. Doch ein echtes Kartell der großen Gasproduzenten wie Russland, Iran und Venezuela kann und wird es auf absehbare Zeit nicht geben. Das zeigt das Ergebnis des jüngsten Treffens der Gasproduzenten in Katar.

Die „Gas-Opec“ hat eher das Zeug zu einem gelungenen PR-Coup. Russlands Präsident Wladimir Putin hat sich bislang nie darum bemüht, das Thema detailliert zu erörtern. Er spricht vage von einer „interessanten Idee“. Und damit erreicht er, was er will: Die neue Stärke des größten Gasproduzenten der Welt soll Respekt einflößen. Aber dennoch zeigt sich: Die großen Gasproduzenten der Welt gehen aufeinander zu. Sie wollen sich auf einem zunehmend dynamischer werdenden Markt besser positionieren.

Heute wird der Gaspreis nicht durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Er ist vielmehr durch über 20 bis 30 Jahre laufende Verträge an Indizes gekoppelt, die auf dem Weltmarktpreis für Öl basieren. Damit ist den Gaslieferanten die Preisfestlegung als strategisches Instrument grundsätzlich entzogen. Vor allem Russlands Gazprom-Konzern verkauft 90 Prozent seiner Förderung im Rahmen langfristiger Verträge. Die „alte“ Opec kann die Gaspreise allenfalls indirekt über die Ölpreisbindung leicht beeinflussen. Hinzu kommt, dass die meisten Produzenten an stabilen Preisen interessiert sind. Dies gilt insbesondere für Russland, das sein Gas bisher ausschließlich durch Pipelines exportiert. Wirtschaftsminister German Gref stellte gerade einen Entwurf für ein Gesetz vor, das langfristige Gasverträge regeln soll. Erdgasfelder werden meist erst dann erschlossen, wenn der Absatz der gesamten Förderung bereits gesichert ist.

Gleichwohl ist die „Gas-Opec“ ein primär russisches Projekt, das Iran, vom Westen isoliert, dankbar aufgegriffen hat. In den 90er-Jahren, als in Russland Unsicherheit darüber herrschte, wie es mit den langfristigen Verträgen weitergehen würde, und sich der Ölpreis auf einem historischen Tiefpunkt befand, kreierte man im Kreml eine Idee: Die großen Gasproduzenten sollten versuchen, ihre Investitionen zu koordinieren. Je nach politischer Großwetterlage kommuniziert die russische Führung diese Idee mal lauter und mal leiser. Aktuell will man den Europäern klar machen, dass es sich nicht lohne, ihre Erdgasimporte zu diversifizieren. Denn den Kreml können solche Pläne nicht kalt lassen. Europa ist der größte und wichtigste Gaskunde Russlands, auf den man auch künftig angewiesen sein wird. Pipelines lassen sich eben nicht von heute auf morgen in Richtung China verlegen. Um ihre Position abzusichern, streben die Russen heute regionale Bündnisse an. Und Gazprom soll internationalisiert werden. Ziel ist es, die Interessen der Produzenten bei der Erschließung von Märkten abzustimmen. Dies geschieht beispielsweise zwischen Algeriens Sonatrach und Gazprom beim Blick nach Europa.

Im Gegensatz zum Öl existiert beim Erdgas bislang kein globaler Markt. Dies wird sich aber ändern, wenn neben Gas aus Pipelines auch verflüssigtes Gas (LNG) größere Marktanteile erobern wird. Eine Reihe großer LNG-Projekte wird in den nächsten Jahren in Betrieb gehen. Innerhalb einer Dekade könnten dann Europa, Amerika und Asien einen Weltmarkt bilden. Die Folgen für die Gaspreise sind noch nicht abzuschätzen. Daher wollen einzelne Gas exportierende Staaten schon heute ausloten, inwieweit sich Investitionen in die Erschließung neuer Reserven, in den Aufbau der erforderlichen Infrastruktur wie Pipelines, Verflüssigungsanlagen und Schiffe zu ihrem Vorteil koordinieren lassen. Eines wollen sie auf jeden Fall verhindern: ein Überangebot, das die Preise drückt. Russlands Position ist klar: Der Kreml will bei einer solchen Koordinierung von vornherein dabei sein. So nutzt man die Gunst der Stunde, um seinen Einfluss in der arabischen Welt und damit bei möglichen Konkurrenten auf dem LNG-Markt auszubauen. Das Debakel der Amerikaner im Irak ist dabei durchaus hilfreich.

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